2008

6. Etappe: Maspalomas – Barranco di Guayadeque – Maspalomas, 82,3 km

Sonntag, 7. Dezember 2008

Hurra, es ist geschafft! Heute bei der sechsten und letzten Etappe gab  es noch dreimal Alarmstufe rot: Hinterraddefekt kurz nach dem Start, Massensturz bei der bereits freigegebenen Auffahrt auf den Guayadeque, den schwersten Anstieg der Rundfahrt, und dann im Finale bin ich aus dem Windschatten hinter dem Vorausfahrzeug gedrängt worden, mußte mich wieder zurückkämpfen, aber es ist sich ganz knapp ausgegangen – Sieg bei der 20. Auflage der Vuelta Gran Canaria di Maspalomas!!!

Die Taktik war klar: Sevilla Vecino und Mascaro Gomila, die beiden Spanier, die auf den Plätzen 2 und 3 der Gesamtwertung lagen, nicht aus den Augen lassen, beim 12 km langen Anstieg am Guayadeque mit 100 % mitfahren und, wenn irgend möglich, die beiden oben im Barranco abhängen, vor allem aber beim Zieleinlauf vor den beiden klassiert sein. Die Hauptfrage aber: wie habe ich das gestrige Bergrennen verdaut??? Eigentlich wäre es besser gewesen, zwei, drei Stunden irgendwo in Strandnähe herumzurollen, anstatt über 100 km abzuspulen, 30 davon steil bergauf. Durchdacht war es nicht, gescheit auch nicht. Und das alles für einen 6. Platz! Wenn ich gewonnen hätte, gut, es wäre ein Sieg gewesen, aber so…

Alarm gab es dann bereits nach 8 km, bei einem kleinen, aber steilen Anstieg an der Küstenstraße Richtung Las Palmas: ich bin hinten plattgefahren, habe im Anstieg gemerkt, daß die Luft langsam rausgeht, habe kühlen Kopf  bewahrt, bin mit dem letzten Rest von Luft im Reifen noch ganz nach vorne gefahren, an der rechten Seite abgestiegen, das Hinterrad rausgenommen, den Mantel runter (ich fahre mit Drahtreifen), den Schlauch raus, dann war das Feld erst vorbeigefahren. Ich habe den neuen Schlauch auch schon in der Hand, da bleibt der Mechanikerwagen stehen, schließlich fahre ich ja im Gelben Trikot mit dem riesengroßen blauen Logo der Vuelta Gran Canaria auf der Brust, da bleibt auch schon mal ein Materialwagen stehen, wenn es denn sein muß.

Es wart eine Eingebung heute früh gewesen, daß ich einen Reserveschlauch, die Reifenheber und eine kleine Preßluftflasche in der Trikottasche mitgenommen habe. Bisher hatte ich ja keinerlei Reservematerial mitgehabt, nur einen Satz Laufräder im eigenen Wagen im Startbereich, der mitfahrende Mechanikerwagen hat täglich ca. 15 bis 20 Sätze Laufräder mitgeführt und bei Bedarf die defektgeplagten Fahrer damit versorgt. Diesmal aber, weil ja der Anstieg für mich so wichtig ist, will ich es nicht darauf ankommen lassen, mit einem fremden Hinterrad diese Steigung fahren zu müssen, die immerhin bis zu 16 % steil ist.

Sofort springt ein Mechaniker mit einem Hinterrad in der Hand auf mich zu, drückt das Laufrad in den Rahmen, schiebt mir diesen unter den Hintern und mich an, und ich fahre schon wieder. Im letzten Moment drücke ich ihm noch den neuen Reserveschlauch in die Hand und sage ihm, er solle mir mein eigenes Hinterrad herrichten, ich würde sofort wieder zurück wechseln. Und ich tat recht daran, denn beim spanischen Hinterrad, das mit Zeus-Kränzen bestückt ist, springt die Kette. Und die Übersetzung ist auch nicht die ideale für mich. In diesem Fall ist es natürlich ein Geschenk des Himmels, daß das Feld nur mit 26 bis 28 km/h dahin rollt, ich bin in wenigen Minuten wieder ganz locker ran gefahren, und ungefähr 5 Minuten später bekomme ich das Signal vom Materialwagen, daß mein eigenes Laufrad wieder fahrbereit ist und wechsle wieder zurück.

Ich bin schnell wieder mit meinem eigenen Hinterrad im Feld, muß mich dann in der langen Reihe ganz nach vorne fahren, denn wir nähern uns langsam aber sicher Vecindario, wo wir links abbiegen ins Landesinnere und der Anstieg nicht mehr weit ist. Dann ist es soweit. Der Anstieg beginnt, anfangs noch ganz flach und moderat, 3 bis 4 %, aber bereits auf der schmalen Straße, die durch den Barranco später dann steil nach oben führt. Und genau diese schmale Straße ist das Problem, alle wollen direkt hinter dem Vorausauto einen Platz finden, ich natürlich auch.

Es gibt ein Gedränge und ein Gerangel, da sind Hände und Füße im Spiel, da wird schon mal gezogen und geschubst, und wie es auch manchmal so kommt, mit einem Mal liegen ein paar Fahrer auf der Nase, reißen im Fallen noch ein paar andere mit, und weil sich das alles ganz vorne abspielt, direkt hinter dem Wagen, fliegen auch aus der zweiten Reihe noch ein paar darüber. Ich komme auch zum Handkuß, habe zwar schon abgebremst und ausgesteuert, aber fast im Stehen falle ich dann doch noch um. Das sind die teuflischsten Stürze, weil sie immer die unangenehmsten Folgen haben.

Aufstehen, aufspringen, nachfahren, es sind jetzt ungefähr 50 Fahrer vor mir. Wo die beiden Spanier sind, die meine Konkurrenten sind, weiß ich in dem Moment nicht. Aber ich weiß, daß es ein Vorteil ist, wenn man ganz vorne in diesen Barranco reinfährt. Ich fahre über meine Verhältnisse, ich muß nach vorne hin, zu den Spaniern. Aber jetzt ist schon der Vorauswagen weggeschwenkt, das Rennen freigegeben, und die erste Fetzerei zieht das Feld in die Länge, reißt die ersten Löcher, die sofort gewaltig schnell aufgehen.

Da bin ich hinten auf verlorenem Posten. Ich kann nicht so lange fahren, bis es mich zerreißt, ich muß mein eigenes Tempo fahren, also langsamer. Schnell bilden sich kleine Gruppen, dazwischen ein paar röchelnde und hechelnde Einzelfahrer, irgendwo bin auch ich. Vorne sind die Spanier versammelt, denn es geht im Großen Bergpreis hier um die endgültige Entscheidung.

Da ist nämlich noch gar nichts entschieden, im Gegenteil, es sind sehr viele Fahrer, die da noch Chancen auf den Sieg haben, auch meine Wenigkeit zählt dazu. Ich muß mein Tempo fahren, darf mich nicht übernehmen, es steht zu viel auf dem Spiel. Ich kann nur hoffen, daß ich um einen Wimpernschlag schneller bin als die beiden Spanier, die ich übrigens noch immer nicht sehe. Sind die etwa noch vor mir? Muß wohl so sein.

Ich fahre hier mit 39/21, dann mit 39/23, und dann wird es richtig steil. Und ich bin bei 39/25 angelangt. Damit kann ich schön flüssig und rund kurbeln, und ich bin schneller als die Fahrer rund um mich herum, ich hole auf. 16 Prozent Steigung auf den letzten 4 km bis hinauf zum Restaurant in der Felsenhöhle, dort oben wird auch die Gedenktrophäe Antonio Martin entschieden, die der Sieger am Guayadeque erhält. Lange Gerade prägen hier das Bild, es sieht in etwa so aus wie am Hahntenjoch, um mal einen Vergleich zu strapazieren.

Vor mir sehe ich Jaime Font, den Spanier im Bergtrikot. Wenn ich so gut platziert bin, können doch meine beiden spanischen Freunde nicht mehr weit sein. Vor mir fährt eine Gruppe, zu der Font soeben aufschließt, er attackiert auch gleich, reißt diese Gruppe damit auseinander. Noch 3 km, hoffentlich zieht er jetzt nicht die falschen Leute mit sich mit. Es wird steiler, ich muß mich schinden und quälen, halte aber das Tempo, ich komme näher an die Gruppe ran, dann bin ich plötzlich an der Seite von Vescino, Mascaro entdecke ich weiter vorne. Wenigstens sind sie nicht außer Reichweite, das ist auf den letzten beiden Kilometern alles zu schaffen. Hoffe ich halt.

Das Finale. Der letzte Kilometer. Eine lange Gerade, vorne setzt sich Luis Alberto Garcia durch, wird Zweiter und gewinnt damit den Bergpreis. Jose Manuel Gallego heißt der spanische Sieger am Guayadeque. Gomila Mascaro sprintet bei der 500-m-Marke von mir weg, ich kann nicht mehr mithalten, und er zieht das hohe Tempo voll durch, fährt sogar noch bei ein paar anderen Fahrern vorbei. Im ersten Moment versuche ich, nachzusetzen, merke aber gleich, daß ich es nicht mehr drauf habe, setze mich wieder hin, und in dem Moment fliegt von hinten Vecino vorbei.

Aber diesmal gebe ich nicht klein bei, der ist ja auch der gefährlichere Fahrer. Ich denke nicht, ich sprinte an sein Hinterrad. Zusammen fliegen wir an Jimenez und Ortega vorbei, dann ist der erlösende Zielstrich da. Ich komme nicht mehr an ihm vorbei, aber wenigstens ist auch niemand zwischen uns. Der Pulsmesser zeigt mir später dann in dem Moment 197 Puls an.

Oben bei der Zwangsrast wird gerechnet. Wie sieht jetzt die Gesamtwertung aus? Hier am Guayadeque, dem schwersten Berg der gesamten Rundfahrt, ist Mascaro Gomila 13.  geworden, Jaime Font 14., Sevilla Vecino 17. und ich 18. Der Bergpreis geht an Alberto Garcia, der sich mit 127 Punkten durchsetzt. Die Gesamtwertung hat jetzt folgendes Bild: ich führe mit 464 Punkten vor Vecino mit 458 und Mascaro Gomila mit 433. 6 Punkte Vorsprung sind nicht wirklich viel, vor allem nicht beruhigend. Da ist noch alles offen.

Übrigens: Claudio Chiappucci ist auch auf  den Guayadeque raufgefahren und war etwa zweieinhalb Minuten hinter mir.

Rückfahrt, neutralisiert. Und weil es heute die letzte Etappe ist, wird das Rennen schon knappe 20 km vor dem Ziel freigegeben, und die letzten Kilometer hinter der Motorführung sind auch schon mit 40 km/h gewesen, der Wagen beschleunigt dann, 50 Sachen, 55, 60, dann sind schon nur mehr knappe 30 Mann in einer Traube hinten dran. Gut 20 Mann davon sind schon haarscharf am Abreißen, die können sich zwar noch halten im Moment, wenn sie dieses Tempo aber noch 20 Sekunden fahren müssen, sind sie weg.

Und dumm wie sie sind, halten sie so lange hin,  bis sie explodieren. Ich bin irgendwo am Rand dieser Traube, also auch schon fürs Abreißen vorgesehen. Keine Chance, da irgendwie in die Mitte rein zu kommen. Die eine Taktik wäre gewesen, sich in der Idealposition festzusetzen, und diese so lange wie möglich zu behaupten. Gut, das war nicht drin, da hatte ich nie eine Chance, dorthin zu kommen, weil dort schon die Spanier waren. Die andere Taktik ist, den richtigen Moment zu erwischen, und freiwillig ab zu reißen, um dann noch stark genug zu sein, alleine ein paar Positionen gutzumachen, an ein paar Abgerissenen vorbei zu fahren.

Man merkt in jeder Phase, daß das die Schlußetappe ist, in der das Endklassement gemacht wird, denn es wird mit wahnsinnig hohem Risiko gefahren, jeder hat eine Risikobereitschaft, die einfach unwahrscheinlich ist. Da wird wieder gerangelt und gedrückt, gezogen, geschubst und gedrängt. Ich sehe meine beiden Spanier irgendwo in der Mitte, die können also auf Grund ihrer Position noch ein paar Plätze raus schinden, als ich unvermutet einen harten Schlag aufs Hinterrad bekomme, was mich völlig aus der Spur wirft und um gut einen Meter nach links raus in Richtung Straßenmitte versetzt. Eigentlich ein Wunder, daß ich da nicht gestürzt bin, und das bei dem horrenden Tempo von gut 60 km/h. Damit ist auch schon alles geregelt, ich reiße ab, mehr unfreiwillig als freiwillig, aber eigentlich doch freiwillig.

Dann heißt es, so lange wie möglich das Tempo zu halten. Ich komme nicht weit. Mit 53/13 kurble ich, aber beim etwa 1,5 km langen Anstieg kurz vor Maspalomas ist Endstation. Dort komme ich natürlich mit Schwung nicht mehr drüber, aber am Fuße der Steigung hole ich Enrique Sevilla Vecino ein, meinen schärfsten Konkurrenten. Da habe ich auf einmal wieder alle Kräfte, die ich kurz vorher schon nicht mehr hatte, um an ihm wie ein Geschoß vorbei zu fliegen. Er hat ja so lange hingehalten, bis er explodiert ist, dementsprechend bewegungsunfähig ist er jetzt. Natürlich hat er nicht den Funken einer Chance, da einzusteigen. Als ich mich nach 100 Metern nach ihm umdrehe, sehe ich ihn 90 Meter hinter mir, wie er mit hochrotem Kopf verzweifelt nach Luft schnappt. Wie ein Fisch am Trockenen.

Meine Motivation steigt wieder ins Unermessliche. Das ist genau der Anblick, den ich gebraucht habe. Da geht es nicht nur um den Sieg. Sicher, in erster Linie schon. Aber es geht auch darum, zu zeigen, daß ich eben doch der Stärkere bin, es geht auch darum, zu beweisen, daß meine Taktik die bessere ist, es geht um Genugtuung. Ich fliege den Anstieg förmlich hinauf, hole auf diesen eineinhalb Kilometern noch fünf Fahrern ein, dann geht es dahinter bergab ins Ziel nach Maspalomas, und da hole ich mir noch einen. Ich bin richtig aufgestachelt, beinahe am Zielstrich hole ich mir noch einen. Insgesamt 9 Positionen also nach dem Abreißen gut gemacht! So viel habe ich noch nie geschafft, im Normalfall gewinnt oder verliert man höchstens einen. Aber dennoch muß ich noch zittern, denn der andere, Antonio Mascaro Gomila, darf nicht unter die ersten drei kommen!

Ein Stein fällt mir vom Herzen, als ich etwa 100 Meter nach dem Zielstrich, als ich noch nach Luft ringe und ausrolle, ihn plötzlich vor mir sehe, wie er völlig außer Atem halbtot zwei Plätze vor mir durchs Ziel gerollt ist! Noch einen halben Kilometer weiter, und ich hätte ihn auch gehabt! Damit müßte der Gesamtsieg sicher sein.

Ergebnisse, Großer Bergpreis (10 Wertungen): 1. Luis Alberto Garcia (Spanien) 127 Punkte, – 2. Omar Marentes (Argentinien) 126, – 3. Marti Coll Reus (Spanien) 122, – 4. Jaime Font (Spanien) 122, – 5. Jose-Manuel Gallego (Spanien) 121, – 6. Bernat Vincente Colmillo (Spanien) 118, – 7. Cesar Mendonca (Brasilien) 106, – 8. ROBERT BARTONEK (Österreich, RC UNION Unterguggenberger Wörgl) 102, – 9. Angel Gonzalez Garcia (Spanien) 94, – 10. Gabriel Angel Ripoll (Spanien) 86

Ergebnisse, Endstand Vuelta Gran Canaria di Maspalomas: 1. ROBERT BARTONEK (Österreich, RC UNION Unterguggenberger Wörgl) 513 Punkte, – 2. Antonio Mascaro Gomila (Spanien) 488, – 3. Enrique Sevilla Vecino (Spanien) 488, – 4. Jose Manuel Gallego (Spanien) 487, – 5. Omar Marentes (Argentinien) 466, – 6. Edgar Medellin (Kolumbien) 452, –  7. Pedro Pulido Jimenez (Spanien) 444, – 8. Javier Pupo Jimenez (Spanien) 439, – 9. Viktor Hugo Santos (Portugal) 436, – 10. Jose Pires (Portugal) 435, – 11. Jose-Luis Blanco Soto (Spanien) 419, – 12. Francisco Sanchez (Spanien) 366, – 13. Cesar Mendonca (Brasilien) 359, – 14. Jose Juan Gonzalez Sanchez (Spanien) 340, – 15. Luis Alberto Garcia (Spanien) 324, – 16. Jose Nicolau (Portugal) 306, – 17. Antonio Ortega Lombardo (Spanien) 278, – 18. Antonio Pujol (Spanien) 276, – 19. Jaime Font (Spanien) 270, – 20. Manuel Costa Pinho (Portugal) 213

Letztlich hatte ich also 25 Punkte Vorsprung, die Plätze 2 und 3 haben noch getauscht, und Gallego ist auch bis auf einen Punkt an das Podium herangekommen. Marentes war der wohl gefährlichste, der war in den letzten Tagen in einer Überform. Noch ein oder zwei Etappen mehr und er wäre wohl der Gesamtsieger gewesen. Da habe ich noch mal Glück gehabt. Am heutigen Schlußtag hat sich das Klassement noch einmal ziemlich zusammen geschoben. Um meinen Vorsprung von 25 Punkten mal etwas zu verdeutlichen: an einer Bergwertung wäre das der Abstand zwischen dem 1. und dem 9. Rang gewesen, im Tagesklassement war der Unterschied zwischen 1. und 4. Rang bereits 31 Punkte. Also ist es wirklich nicht übertrieben, wenn ich sage: DAS WAR VERDAMMT KNAPP!

Bergrennen Ingenio – Pico de las Nieves, 27,6 km

Samstag, 6. Dezember 2008

Jetzt habe ich mich also doch entschieden! Ja, ich starte beim Bergrennen, dem schwersten Europas, wie es der Veranstalter bewirbt, und das auch mit Zahlen belegt, der Anstieg ist steiler, länger, schwerer als etwa Stilfser Joch, Angliru, Mortirolo oder Alpe d´Huez. Gut, das ist natürlich maßlos übertrieben, unterm Strich bleibt die Tatsache, daß es ein sehr schwerer Anstieg ist. Das reicht ja auch. Sollte ich morgen die Rundfahrt noch vergeigen, habe ich die Arschkarte.

Ist mir auch klar. Aber ich kann´s halt auch nicht ändern, mich interessiert der Anstieg, mich interessiert die Möglichkeit, gegen Ex-Profis zu fahren, natürlich möchte ich morgen dann die Vuelta gewinnen. Und es gibt noch einen Grund für meinen Start: ich bin gestern sehr oft darauf angesprochen worden, daß ich ja nur deshalb im Gelben Trikot fahre, weil die zwei Spanier im entscheidenden Moment Defekt hatten. Nicht nur, daß ich gar kein richtiger Führender bin, mir wird auch das Gefühl gegeben, als hätte ich denen was GESTOHLEN!

Ich möchte halt auch beweisen, daß meine Führung zu Recht besteht, daß ich es durchaus drauf habe, daß ich auch dieses schwere Bergrennen fahren kann. Ich bin KEINE Eintagsfliege, und das sollen alle Ungläubigen heute und vor allem morgen dann sehen.

Naja, schon am Streckenprofil sieht man, daß das KEIN Honigschlecken wird! In Maspalomas wird um 10 Uhr gestartet, dann geht es neutralisiert knappe 30 km bis Ingenio, wo der offizielle Start mit der Zeitnehmung erfolgt. 27,6 km, 1855 Höhenmeter, der schwerste Berg Spaniens (angeblich).

Am Start gab es heute also noch Probleme. Anmeldungsschuß war nämlich gestern Abend gewesen, für heute waren gar keine Anmeldungen mehr vorgesehen. Erst nach langem Hin und Her, bei dem ich absolut kein Entgegenkommen der Veransalter erkennen konnte (ich kann zu wenig Spanisch, bei Deutsch, Englisch oder Italienisch stellte man sich auf  beiden spanischen Ohren taub!), bekam ich die Startnummer 88 zugewiesen, die bis zum Start niemand abgeholt hatte.

Irgendein Spanier hat sich angemeldet, dann aber den Schwanz eingezogen. Naja, so mutierte ich innerhalb kürzester Zeit zum Spanier Hilario Garcia. Kurz vor 9 Uhr sind wir in Maspalomas gestartet, 177 Fahrer sind ins Rennen gegangen. Neutralisierte Anfahrt über 30 km bis Ingenio, diesmal sind wir knapp 30 km/h gefahren, es ist ja auch flach gewesen, erst die letzten 3 km bis Ingenio sind bergauf gegangen. Mit dabei waren auch die beiden Ex-Profis Claudio Chiappucci und Marino Lejaretta

Das Wetter war nicht mehr so schön und warm wie in den vergangenen Tagen. Es hatte empfindlich abgekühlt, dicke, tiefhängende Wolken haben mich schon das Schlimmste befürchten lassen. Viele sind sogar langärmelig gefahren. Sollte es am Ende jetzt mit dem Schönwetter vorbei sein??? Pünktlich um 10 Uhr jedenfalls sind wir in Ingenio an der Plaza del Ayuntamiento gestartet. Sofort hohes Tempo, zwar gleichmäßig, aber grausam schnell. Bereits nach 2 km hat sich eine etwa 30köpfige Gruppe abgesetzt, zu der ich gerade noch mit dem allerletzten Dreck hinspringen konnte. Lejaretta und Chiappucci waren auch dabei.

Das Feld zieht sich in die Länge, das Tempo ist so hoch, daß da laufend welche zurückfallen. Es ist natürlich auch unrhythmisch, Löcher muß man selbstverständlich auch andauernd zufahren. Bis La Pasilla (km 6) kenne ich die Strecke, da bin ich vor Jahren schon mal raufgefahren. Danach beginnt für mich das Niemandsland. In La Pasilla haben sich schon 5 Mann abgesetzt, zunächst hat Antonio Bolano attackiert, sich abgesetzt, verfolgt von Francisco Fermin Herrera, Pedro Rovira, Joaquin David Martin und Jose Ramon Alvarez. Claudio Chiappucci und Marino Lejaretta sind noch bei mir.

Ich schere mich einen Teufel um irgendwen, fahre mein konstantes Tempo den Berg hinauf, so schlecht fahre ich damit nicht. Ein paar Meter vor mir fährt Chiappucci, mindestens genauso gleichmäßig wie ich, daher ist er für mich in dieser Phase ein sehr guter Anhaltspunkt. Er liegt etwa 80 bis 100 Meter vor mir, Lejaretta ist hinter mich zurückgefallen. Etwas später merke ich, wie ich anscheinend schnell schwächer werde, und zwar paßt es mit der Atmung einfach nicht mehr. Wahrscheinlich ist es die übergroße Fünf Mann Spitze quälen sich durch den dicken Nebel nach oben.

Luftfeuchtigkeit, schließlich fahren wir seit etwa 1 km nach dem Start in einer dicken Nebelsuppe. Es ist auch nicht leicht für mich, nachdem ich schon am Start gemerkt habe, daß NIEMAND von meinen Rundfahrts-Konkurrenten hier heute dabei ist! Die sind alle bestenfalls Zuschauer, wahrscheinlich stehen sie irgendwo am Straßenrand und zeigen lachend mit ihren Fingern auf mich! Das heißt aber auch, daß die Starter hier alle bei der Rundfahrt nicht dabei waren, nur wegen diesem Bergrennen hie her gekommen sind und natürlich alle ausgesprochene Bergspezialisten sind!

Antonio Bolanos führt nach wie vor solo, dahinter die Verfolger, die aber bald schon aufschließen und dann zu fünft sich durch den dicken Nebel kämpfen. So vergehen ein paar Kilometer, dahinter zerfällt das Feld immer mehr, die Positionen pendeln sich ein, man sieht jetzt immer wieder dieselben Gesichter, wenn man nach vorne schaut oder sich umdreht. Ich fahre das folgende Steilstück gleich mit 39/25 und hoher Frequenz, versuche erst gar nicht, mit da mit dem 23er herumzuquälen. Doch die hohe Luftfeuchtigkeit macht mir einen Strich durch die Rechnung. Ich kann die hohe Frequenz nicht mehr fahren, muß dann doch sehr bald aufs 23er gehen, wenn ich härter fahre, fällt es mir in der hohen Luftfeuchtigkeit etwas leichter. Falls man in dem Zusammenhang überhaupt von LEICHTER sprechen kann.

Die Entscheidung fällt in Caldera de los Marteles nach 17 km. Jose Ramon Alvarez greift an, nutzt einen Moment der Schwäche seiner Konkurrenten und setzt sich alleine in Führung. Bei km 20 liegt er bereits 42 Sekunden vor den Verfolgern. Und auch bei mir ist das ein besonders schweres Stück, kurz vor dem Flachstück in Caldera de los Marteles muß ich ziemlich hinhalten, ich quäle mich förmlich in die flache Passage rein, habe natürlich vorher am Streckenprofil gesehen, daß es hier deutlich flacher wird und so geglaubt, ich kann mich da durchaus mit etwas mehr Einsatz über die Kuppe wuchten.

Hat auch gestimmt, ich habe auf diesem einen knapp halben Kilometer vier Positionen gutgemacht. Ausgelöst aber wurde das durch Chiappucci, der – als langjähriger Canaria-Liebhaber kennt er diesen Anstieg natürlich ganz genau – plötzlich das Tempo verschärft hat und mich dadurch indirekt und ungewollt auch animiert und motiviert hat.

Die letzten 5 km sind dann nur mehr ein Verteidigen und Position halten. Chiappucci ist außer Sicht, ich kann ihn auch auf längeren Geraden nicht mehr sehen. Vorne verteidigt Alvarez seine Führung, und auch ich bin jetzt nur mehr bestrebt, meinen Platz zu halten. Es wird auch eine Spur flacher auf den letzten 2 Kilometern, aber die Distanz und vor allem die Luftfeuchtigkeit setzen mir und sehr vielen anderen auch schwer zu.

Vorne gewinnt Alvarez, Fermin Herrera wird so wie im Vorjahr Zweiter. An den Streckenrekord von 1:10  Stunden kommt bei diesem Wetter aber niemand auch nur annähernd heran. Alvarez siegt in 1:19:54, das ist die mit Abstand langsamste Siegerzeit aller bisherigen Austragungen. Chiappucci kommt mit seiner Schlußoffensive in 1:23  noch auf den ausgezeichneten 12. Platz, ich belege in 1:32 den auch nicht so schlechten 22. Platz.

In meiner Altersklasse 45 bis 55 Jahren bedeutet das den immerhin sehr guten 6. Rang, da ist Chiappucci Dritter geworden. Da sieht man wieder, daß ein Ex-Profi halt doch auch Jahre nach seiner aktiven Karriere noch einiges drauf hat und vor allem, was eine solide Grundlage alles möglich macht.

Alles in allem bin ich heilfroh, im Ziel zu sein, mein Platz war relativ eindeutig und klar, denn eine gute halbe Minute vor und hinter mir war niemand. Ob ich es bereut habe, hier gestartet zu sein? Das kann ich morgen erst sagen, im Moment möchte ich mich nur ausruhen. Aber es steht mir ja noch einiges bevor: die letzte Etappe folgt noch, das Ausrollen, runter zum Start.

Mit einem Kleidertransport habe ich ein paar warme Sachen zum Anziehen ins Ziel transportieren lassen, ich ziehe mich jetzt um und fahre dann direkt vom Picos de las Nieves, der seinem Namen alle Ehre macht (Gipfel im Nebel), runter nach Maspalomas. Sind auch wieder 49 km, und zusammen mit der neutralisierten Anfahrt (30 km) und dem Rennen (28 km) bin ich heute auch wieder auf 107 km gekommen.

Ergebnisse Tageswertung: 1. Jose Ramon Alvarez Gutierrez (Spanien) 1:19:54, – 2. Francisco Fermi Herrera Rodriguez (Spanien) -0:32, – 3. Joaquin David Martin Hernandez (Spanien) -0:56, – 4. Pedro Rovira Alba (Spanien) -1:17, – 5. Alessandro Raisoni (Italien) -1:44, – 6. Pablo Munoz Retamal (Spanien) -1:45, – 7. Marcos Manuel Garcia Ortega (Spanien) -2:04, – 8. Antonio Bolano Dominguez (Spanien)  -2:17, – 9. Doroteo Martinez Lopez (Spanien) -2:35,  10. Luis Alberto Garcia Landa (Spanien) – 3:10, – weiters: 12. Claudio Chiappucci (Italien) -3:49, – 22. Robert Bartonek (Österreich, RC UNION Unterguggenberger Wörgl) -12:43, – 46. Marino Lejaretta (Spanien) -21:24

Ergebnisse Altersklasse 45-55 Jahre: 1. Francisco Fermi Herrera Rodriguez (Spanien) 1:20:26, – 2. Luis Alberto Garcia Landa (Spanien) -2:38, – 3. Claudio Chiappucci (Italien) -3:17, – 4. Eduardo Suarez Diaz (Spanien) -6:31, – 5. Michael Fenske (BRD) -7:50, – 6. Robert Bartonek (Österreich, RC UNION Unterguggenberger Wörgl) -12:11

Gruppenfoto im Ziel am Pico de las Nieves: hintere Reihe von links: Marino Lejaretta, Joaquin David Martin Hernandez (3.), Jose Ramon Alvarez Gutierrez (Sieger), Francisco Fermi Herrera Rodriguez (2.), Claudio Chiappucci, vorne von links: Joanne Merritt (3.), Rosemary Byde (Siegerin), Christine Ladkin (2.)

Ein paar Zahlen noch zu diesem Bergrennen: Maximalpuls 192 (gut, da kann man nicht mehr von einer lockeren Partie sprechen), Durchschnittspuls 178

Am späten Nachmittag wieder daheim im Quartier, habe ich mich mal eine halbe Stunde unter die Brause gestellt, danach bin ich fein essen gewesen (im Erdgeschoß meines Appartments), habe mir die Papas arrugadas gekocht, das sind winzige Süßkartoffeln mit einer Salzkruste, die werden ungeschält im Meersalz gekocht und dann getrocknet, bis sie schrumpelig werden, dazu Yamswurzel, Kichererbsen und Curryreis mit Bananen, Mandarinen, Rosinen und Mangos.

Naja, ziemlich exotisch, ich hab  halt alles verwertet, was ich noch in der Küche gefunden habe. Danach noch mal eine halbe Stunde unter der Dusche, das hat verdammt gut getan. Als Abschluß dann noch ein frischgepreßter Orangensaft. In Gedanken war ich schon beim morgigen Finale der Vuelta.

 

5. Etappe: Maspalomas – Soria – Maspalomas, 68 km

Freitag, 5. Dezember 2008

Mal das Wichtigste zuerst: DAS IST NOCH MAL GUTGEGANGEN! Führung knapp verteidigt! Aber es ist eng geworden, und noch ist nichts gegessen! Das wird ein ganz, ganz schwerer und hart umkämpfter Schlußtag werden! Vom Rennverlauf her war diese Etappe eigentlich ganz, ganz leicht. Zunächst am Anstieg zuur Wende, hinauf nach Soria, in diesem 22 km langen Barranco, gab es einen ganz, ganz wilden Kampf um die Bergpunkte. Daran habe ich mich nicht beteiligt, habe mich da völlig rausgehalten und bin mit gut 20 Minuten Rückstand oben in Soria angekommen.

Habe mich bei der folgenden Zwangsrast gut erholt, habe gegessen und mit ein paar Deutschen und Belgiern nett und zwangslos geplaudert. Leider war es mir nicht möglich, sie für meinen Plan zu gewinnen, mich im Finale zu unterstützen. Die sind einfach zu ahnungslos und gar nicht an Streß interessiert. Die wollen einfach eine ruhige Kugel schieben und zum Saisonausklang mit ihren Familien ein paar nette und anspruchslose Kilometer runterradeln. Schade.

Also alleine ins Finale! Die Abfahrt durch den Barranco runter zum Meer war wieder wie üblich, ich habe oben noch etwas gewartet, alleine die Aussicht genossen und bin dann hinterhergefahren, habe die Räder rollen lassen und war sehr schnell wieder im großen Pulk. Im Gelben Führungstrikot ist man natürlich gekennzeichnet, nicht nur für die Zuschauer oder fürs Fernsehen, sondern vor allem auch für die Gegner. DAS IST DER TYP, DEN WIR ANGREIFEN MÜSSEN!

Es war wieder eine hügelige Fahrt an der Küstenstraße zurück nach Maspalomas, dann die Freigabe des Rennens, die große Schleife runter zum Faro di Maspalomas, zum Leuchtturm am Rande der Dünen, wieder zurück hinauf Richtung Zentrum, über den gefürchteten kurzen Anstieg, ein paar Rondellas, die Kreisverkehre, und dann die Zielgerade. War natürlich nicht so leicht und einfach, wie sich diese Kurzform hier liest.

Ich habe heute erstmals gemerkt, daß da im Finale geschoben und paktiert wird wie sonst auch. Da setzen sich irgendwelche Helfer auf die optimale Position hinter dem Führungsauto, und kurz bevor das Rennen freigegeben wird, übergeben sie diese Position an ihre Kapitäne. Und da ich alleine hier bin, habe ich natürlich niemanden, der für mich fährt, ich muß mich selber an die richtige Stelle kämpfen.

Das ist beinahe unmöglich, denn es sind viel zu viele, die diese Position wollen. Und es sind halt nur knapp 10 bis 12 Fahrer, die den Windschatten optimal ausnutzen können, und das auch nur bis ca. 50 km/h. Wenn es dann schneller wird, sind auch das zu viele, dann fliegen sie rechts und links aus dem Windschatten raus, dahinter bleiben dann sehr schnell nur mehr zwei, drei Fahrer übrig, die reißen dann meist gemeinsam ab und sprinten sich den Tagessieg aus.

So auch diesmal. Aber als Gesamtführender möchte ich natürlich meine Position verteidigen, da muß ich dann aufpassen, wo die schärfsten Konkurrenten sind. Das ist für mich ganz, ganz schwer, denn ich kenne die Typen alle ja erst seit vier Tagen und von hinten weiß ich nie, wer welcher ist, weil sie da alle gleich aussehen. Also heißt es dranbleiben an  dieser Traube hinter dem Auto, Abraham Sampel ist vor mir abgerissen, Viktor Hugo Santos auch, Mendonca, der Brasilianer, Castello und Pires auch, die Lücke habe ich dann noch zufahren können, aber dann war ich weg.

Wenn da einer auf der Seite außen abreißt, entsteht für die dahinter Fahrenden ein Schlag ins Gesicht, der Fahrtwind, und der ist dann ja bei 70 bis 80 km/h gigantisch, bläst einen auch förmlich aus der Reihe raus. Die Steherfahrer auf der Radrennbahn können ein Lied davon singen. Alleine überhole ich noch drei Fahrer, die alle schon schwer angeschlagen sind, und in dem Moment natürlich gar nicht reagieren können. Heute ist der Großangriff der gestern Geschlagenen auf den neuen Führenden, also auf mich.

4. Etappe: Maspalomas – Telde – Lomo Magullo – Maspalomas, 118,5 km

Donnerstag, 4. Dezember 2008

Heute war ein ganz großer Tag für mich! Völlig überraschend, ohne es beabsichtigt zu haben, bin ich heute ins Goldtrikot des Gesamtführenden gefahren! Ein schwerer Fehler und Defektpech bei den Spaniern hat dieses überraschende Ergebnis möglich gemacht. Mit einem 18. Platz in der Tageswertung habe ich jetzt einen großen und relativ beruhigenden Vorsprung für die beiden letzten Etappen herausgefahren. Aber auch im Bergpreis bin ich durch eine Attacke, die ich im ersten Anstieg gefahren bin, in Führung gegangen!

Alles das ist nur durch ein Mißverständnis, durch einen dummen Eigenfehler, zuustande gekommen. Natürlich nicht mein Fehler, ich habe meine Hausaufgaben gemacht! Der Anstieg nach Era del Catrdon, das ist der erste Anstieg oben im Streckenprofil nach ca. 25 km, hatte ursprünglich keine Bergwertung, es war an dem Tag nur eine, nämlich am Anstieg nach Lomo Magullo, vorgesehen. Erst am Start ist verlautet worden, daß es auch hier eine Wertung gibt. Und das haben im Trubel und der Hektik anscheinend nicht mehr viele mitbekommen.

Ich bin also davon ausgegangen, daß es hier Bergpunkte gibt, bin deshalb ganz vorne gefahren, war schon erstaunt, als ich gemerkt habe, daß ich anscheinend einer von ganz wenigen bin, die diese Chance wahrnehmen. Umso besser, habe ich mir gedacht, also voll reinhalten und so viele Punkte als möglich holen. Dazu muß man wissen, daß dieser Anstieg relativ flach und sehr kurz ist. Das war mir bekannt, ich kannte ihn ja schon vom letzten Mal, da sind wir auch hier hinaufgefahren. Als ich gesehen habe, daß niemand fährt, habe ich sofort angegriffen, bin mit 53/21 hochgespurtet.

Ich bin raufgeknallt, mit allem, was ich hatte, dennoch sind einige Fahrer mitgegangen, die mich dann auch oben abgesprintet haben. Der Spanier Jesus Alzala hat vor dem Argentinier Omar Marentes gewonnen, ich bin Fünfter geworden, das waren 23 goldrichtige Punkte, damit habe ich die Führung im Bergpreis erobert. Meine härtesten und unmittelbaren Konkurrenten sowohl im Bergpreis als auch in der Gesamtwertung haben diese Chance verpaßt.

Zwangspause, dann auf hügelig schwerem Gelände rüber nach Telde, dort ist das Rennen wieder freigegeben worden, und es ging im Höllentempo die Steigung nach Lomo Magullo hoch. Dort habe ich gepaßt, schließlich wollte ich nicht alle meine Reserven einsetzen. Die 23 Bergpunkte im ersten Anstieg waren sowieso wie ein Weihnachtsgeschenk, ich habe mich dann ganz auf den Zieleinlauf verlassen. Antonio Galmes hat sich da durchgesetzt, vor dem Argentinier Omar Marentes und dem Belgier Foubert Diederik. Oben dann wieder Zwangspause, danach neutralisierte Abfahrt wieder runter nach Telde. In der Gesamtwertung bin ich zu dem Zeitpunkt an der zweiten Stelle gelegen.

Die Rückfahrt war dann irgendwie euphorisch. Mir war klar, daß das eine Wende in dieser Rundfahrt war, diese 23 Punkte waren Goldes wert für mich. Mit einer Konterattacke beim Zieleinlauf mußte ich jetzt natürlich rechnen, diesen Fehler mußten schließlich ganz viele wieder ausbügeln. Die ganze Rückfahrt über war es eine gespannte Atmosphäre, das Knistern war beinahe physisch spürbar. Und es war sicherlich nicht ungefährlich, denn wenn sich 40 bis 50 Mann um die 8 Plätze hinter dem Pkw matchen, kann das schon mal ins Auge gehen. Und ich bin nun mal nicht der Typ, der da ohne Rücksicht auf Verluste draufhält. Daher ist es – für mich – schon mal sehr gut, wenn ich vorher schon eine relativ klare Entscheidung zu meinen Gunsten habe.

Von dieser Seite aus – vom Flughafen her kommend – ist etwa 5 km vor Playa del Ingles ein relativ schwerer Anstieg, ca 1 km lang, zu bewältigen. Als dann das Rennen etwa 12 km vor dem Ziel immer schneller wird, die Neutralisation aufgehoben ist, bin ich heilfroh, im letzten Moment einen Platz hinter dem Pkw gesichert zu haben. Die Spanier, die den ersten Anstieg übersehen haben, sind mit aller Härte, Risiko und Konsequenz bei der Sache. Und bei dem Gerangel, wo mit Händen, Füßen und Ellenbogen gearbeitet wird, gestoßen, geschoben, geschubst und gedrängt, ist irgendwer mit irgendwem aneinandergeraten, im Nachhinein kann man das natürlich nicht mehr genau nachvollziehen, jedenfalls hat es ganz gewaltig gescheppert und geknallt.

Gut zehn Mann lagen am Asphalt, ein paar weitere sind drübergeflogen, einige konnten aufs Bankett ausweichen, sind natürlich aus dem Windschatten geflogen, die zweite Reihe ist dann sozusagen nachgerückt, und da war ich dann drinnen. Es war unglaublich unübersichtlich, obwohl ich nie direkt im Windschatten war, sind wir mit gut 60 km/h dahingeflogen, ich bin dann bald abgerissen, aber zum Glück war niemand von meinen unmittelbaren Konkurrenten vor mir.

Über den Anstieg konnte ich noch gut zehn Plätze gutmachen. Ich hatte mitbekommen, daß die Konkurrenz schwer geschlagen war, deshalb habe ich da mehr Risiko als üblich genommen, ich wußte, das ist wieder so eine Chance, die man nur ein einziges Mal bekommt. Im Ziel war ich dann völlig geschafft, aber auch heilfroh, einerseits dem Sturz entgangen zu sein, andererseits jetzt einen ganz gewaltigen Schritt in Richtung Toursieg gemacht zu haben.

Omar Marentes aus Argentinien hat heute einen phantastischen Tag gehabt, Zweiter bei beiden Bergwertungen und jetzt der Etappensieg, da hat er mit einem Schlag über 200 Punkte gemacht. Wenn der so weiterfährt, wird er noch zuu einem ganz großen Problem für mich werden. Zweiter wurde José Alfaro, Dritter der Kolumbianer Edgar Medellin.

Naja, mehr kann ich jetzt noch gar nicht sagen, muß erst das genaue Ergebnis abwarten und durchdenken, wie es jetzt weitergeht. Zwei Etappen stehen noch aus, darunter die Schlußetappe mit dem mörderischen Anstieg am Guayadeque, dem schwersten Berg der Rundfahrt. Mein Vorsprung ist sehr groß, viel größer, als ich anfangs dachte. Ich muß mir jetzt ernsthafte Gedanken machen, diesen Vorsprung zu verteidigen, denn jetzt geht es in jeder Wertung um den Toursieg.

Wie ich nach dem Zieleinlauf gehört habe, hatten sowohl der Gesamtführende, Enrique Sevilla Vecino, als auch der Viertplazierte, Javier Pupo Jimenez, bei der Baustelle kurz vor dem Ziel, etwa 400 Meter vor Beginn des Finales, wo das Rennen freigegeben wurde, Reifendefekt. Das ist natürlich großes Pech, der Gesamtführende ist noch auf den 50. Tagesrang gekommen. Aber eine blöde Frage muß ich da schon allen stellen: Was, zum Teufel, hat das mit mir zu tun??? Soll ich jetzt ein schlechtes Gewissen haben, weil ich KEINEN Defekt hatte?Oder anders gefragt: wer hat mit mir Mitleid, wenn ich morgen Defekt habe?

Es stimmt schon, für mich bleibt immer ein schaler Nachgeschmack: DER FÜHRT JA NUR, WEIL DER ANDERE DEFEKT HATTE! Und es stimmt auch, daß heutzutage ein Defekt ja kaum mehr eine Rundfahrt entscheidet. Andererseits stimmt es aber auch, daß der Zeitpunkt des Defektes sehr wohl über Sieg oder Niederlage das Wort führt. Langer Rede kurzer Sinn: ich wäre auch gerne auf andere Weise ins Führungstrikot geschlüpft, aber da ich nachher sowieso der Sieger sein werde, egal auf welche Weise, habe ich da absolut KEIN schlechtes Gewissen. Ich glaube, ich habe hinlänglich bewiesen, daß es KEIN Zufall ist, daß ausgerechnet ICH von diesem Mißgeschick profitieret habe!

Gesamtwertung nach 4 Etappen: 1. Robert Bartonek (Österreich, RC UNION Unterguggenberger Wörgl) 394 Punkte, – 2. Enrique Sevilla Vecino (Spanien) 356,  – 3. Antonio Mascaro Gomila (Spanien) 355, – 4. Edgar Medellin (Kolumbien) 315, – 5. José Pires (Portugal) 305, – 6. Javier Pupo Jimenez (Spanien) 305, – 7. José Luis Blanco Soto (Spanien) 285, – 8. Viktor Hugo Santos (Portugal) 279

Bergpreis nach 4 Etappen (nach 8 Wertungen): 1. Robert Bartonek (Österreich, RC UNION Unterguggenberger Wörgl) 99 Punkte, – 2. Jaime Font (Spanien) 97, – 3. Luis Alberto Garcia (Spanien) 92, – 4. Bernat Vincente Colmillo (Spanien) 86

3. Etappe: Maspalomas – Presa de las Ninas – Maspalomas, 89,7 km

Mittwoch, 3. Dezember 2008

Heute war wieder mal so eine typische Etappe für zwischendurch, nicht Fisch, nicht Fleisch, ich habe mich ausgeruht, so gut es eben ging, bin Tagesneunter geworden, habe aber in der Gesamtwertung einen Platz verloren, bin auf den dritten Rang zurückgerutscht, punktegleich mit dem neuen Zweiten, dem Spanier Antonio Moscaro Gomila. Mein Rückstand auf den Führenden, den Spanier Enrique Sevilla Vecino, ist auf 32 Punkte angewachsen.

Aber keine Angst, ich habe heute nichts verloren, sondern im Gewgenteil, viel gewonnen: ich habe mir – hoffentlich entscheidend – an Substanz bewahrt, die die anderen investiert und verbraucht haben. Eine Rundfahrt muß man mit noch sehr viel mehr Hirn fahren als ein Eintagesrennen, besonders, wenn man erfolgreich sein will. Es geht doch nur darum, an entscheidenden Stellen so frisch wie möglich zu sein.

Es war eine eigentlich ganz einfache Etappe: neutralisiert bis zum Berg, volle Fetzerei hinauf, ich gemütlich hintennach, oben Zwangsrast, dann neutralisiert wieder zurück und die letzten 12 km wieder volles Rohr, da ging es um das Tagesklassement. Und da hatte ich mir einen ganz besonderen Plan zurechtgelegt, der aus folgender Überlegung resultierte: die Spanier sind am Berg einsame Klasse, da reiche ich ihnen bei weitem nicht das Wasser, andererseits sind sie bei so technischen Entscheidungen wie diesem Rennen hinter Motoren deutlich schwächer als ich. Am Berg aus Rücksicht wegen dem Zieleinlauf  zu passen, ist sicherlich eine gute Entscheidung, vorausgesetzt, daß dann im Ziel auch wirklich eine Spitzenplazierung rausspringt.

Und das ist das nächste Problem, denn beim Zieleinlauf von dieser Seite her geht es wieder runter zum Faro di Maspalomas, zum großen Leuchtturm, und von dort entlang der Dünen wieder nordwärts, und da ist ein ganz giftiger Anstieg zu fahren, der fürchterlich ist, wenn man kurz vorher explodiert ist. Wie wäre es daher, wenn ich freiwillig etwas früher abreißen lasse, um dann in der Solofahrt noch frischer zu sein und vielleicht sogar ein paar Plazierungen aufholen kann??

Anfangs also fahren wir wieder einmal neutralisiert rüber bis Puerto de Mogan, das ist sehr schweres Gelände, denn es geht dauernd rauf und runter, und zwar ziemlich steil rauf. Ein Glück für die schwächeren Fahrer, daß es da neutralisiert ist. Dann wenden wir uns rechts landeinwärts, in den Barranco nach Mogan hinauf, und dort wird dann gleich der Wagen beschleunigen und das Rennen zur Höllenqual machen. Auf schöner Straße geht es nach Mogan hinauf, sanfte Steigung, viele Kurven, immer wieder spektakuläre Aussichten. Und diese Landschaft habe ich mir ganz genau angesehen, denn ich habe mir viel Zeit gelassen, bin gleichmäßig zügig hinaufgefahren, dabei natürlich immer weiter zurückgefallen.

Viele Aussichtspunkte gibt es auf diesem Anstieg, und alle diese Miradores sind ja hier auf Gran Canaria mit  der gesamten Infrastruktur ausgestattet, man kann sich verpflegen, findet die sanitären Anlagen, Parkplätze, usw. 3 km hinter Mogan geht es dann rechts weg, wir verlassen die Hauptstraße, und von dem Moment an sind wir in einer einsamen mondähnlichen Landschaft, aber auch hier tun sich hinter jeder Kurve atemberaubende Aussichten und Einblicke auf. Wir fahren auf einer ganz neuen Straße, die sich schmal und kurvig Meter um Meter höher schlängelt.

Das Regenwasser auf Gran Canaria sammelt sich in den Presas, wie man hier die Stauseen nennt. Über 60 davon gibt es hier auf dieser Insel. Wir erreichen die Presa Cuevas de las Ninas, am Ufer haben sich schon touristisache Einrichtungen etabliert. Das Rennen ist hier herauf eine rein spanische Angelegenheit: Bernat Vincente Comillo gewinnt vor seinen Landsleuten Antonio Pujol, Miguel Angel Cirer, José Alfaro und Angel Gonzalez Garcia. Ich komme etwa 15 Minuten später zum Parkplatz rauf, bin aber bei weitem nicht so erschöpft wie diejenigen, die schon hier heroben sind.

Nachdem wir uns verpflegt haben, ich meine Ration für den Nachmittag und Abend eingesteckt habe, saetzt sich der Troß dann wieder in Bewegung, neutralisiert den Barranco di Arguineguin hinunter in Richtung Strand. Ich mag dieses gebremste Abfahren nicht in der riesigen Gruppe, das ist ja stupide. Da muß man hochkonzentriert, die Hände an den Bremsen, die ganze Strecke runterquietschen.

Und wenn man es dann einmal laufenlassen möchte, ist wieder die Neutralisiation im Weg, die ein Tempo von höchstens 30 km/h vorgibt. Also warte ich hier heroben noch eine Viertelstunde, und fahre dann alleine hinterher. Da kann man schön zu Tal jagen, die Straße hat ja hier in diesem Barranco nur ganz heroben ein paar Kurven, unten dann nur mehr lange, lange Gerade, auf denen man auch 100 km/h fanhren könnte. Das ist gleich was ganhz anderes als dieses Gebremse.

Oben am Stausee habe ich mich lange auf Englisch mit einem Spanier unterhalten, ohne zu wissen, daß es sich dabei um Antonio Mascaro Gomila handelte, den potentiellen Anwärter auf den Toursieg. Aber instinktiv habe ich vorgesorgt, habe ihm gesagt, daß ich natürlich keinerlei Ambitionen in Richtung Gesamtwertung habe, die zweite Etappe nur gewonnen habe, um wenigstens mit einem kleinen Erfolg nach Hause zu kommen, damit es nicht heißt, ich hätte hier faul in der Sonne gelegen.

Und die vielen Berge hier sind auch nicht meines, ich bin auch schon ziemlich geschwächt, in dieser Jahreszeit bin ich ja normalerweise schon lange im Winterschlaf. Und diesen Wertungsmodus hätte ich bis jetzt noch nicht durchschaut. Dafür interessiere ich mich sehr viel mehr für die Landschaft, die Leute, vor allem für das Nachtleben. Und da ich in Maspalomas wohne, wo es in dieser Hinsicht völlige tabula rasa ist, muß ich dauernd in die Nachtklubs und Discos nach Playa del Ingles pendeln. Und diese Nachtetappen schlauchen natürlich auch gewaltig. Ich glaube, am Ende hatte er dann schon Mitleid mit mir.

Kurz vor Arguineguin habe ich das Feld wieder eingeholt, arbeite mich gleich nach vorne und setze mich an die Spitze, wo ich auch den Spanier wieder treffe. Ich lächle ihm zu, aber er nimmt mich gar nicht wahr, denn er ist bereits ganz konzentriert auf einem idealen Platz gleich hinter dem Vorausauto. Wir sind nur kurz auf der Küstenstraße in Richtung Maspalomas unterwegs, als der Wagen bereits beschleunigt, sein übliches Vamos, vamos! in unsere Richtung schmettert und auf die Tube drückt. Schnell wird die Gruppe hinter dem Wagen kleiner, ich bin mittendrin, habe zwar nicht die ideale Position, aber auch nicht gerade eine ungünstige.

Es wird enger, das Tempo immer höher, wir fahren jetzt schon 60 km/h, dann 65, wir sind keine zwanzig Mann mehr, es geht bereits neben Maspalomas und den Dünen runter Richtung Strand, dann schwenke ich weg und lasse es gut sein. Bis 68 km/h bin ich gekommen, das leuchtet auf meinem Computer auf. Und jetzt heißt es, dieses Tempo nutzen, so lange es geht, ich fahre mit 53/12 und nutze den Schwung aus, so gut ich eben kann. Bis zum bewußten Anstieg etwa 3 km vor dem Ziel habe ich schon zwei Fahrer ein- und überholt. Im Anstieg packe ich den dritten, wenig später den Vierten. Das habe ich hier noch nie geschafft, nach dem Abreißen noch vier Positionen gut gemacht! Das muß ich mir merken, diese Taktik ausfeilen und morgen gleich wieder anwenden.

Ich erreiche das Ziel als Neunter, leider für mich ist Mascaro Gomila als Vierter hier eingetroffen, und Sevilla Vecino, der Gesamtführende, als Sechster. Beide nehmen mir wichtige Punkte ab, Mascaro Gomila schließt zu mir auf, ist punktegleich und wegen der besseren Etappenplazierung liegt er jetzt an der zweiten Stelle. Ich lasse ihm die Freude, he, abgerechnet wird am Schluß, und bis dahin fließt noch viel Wasser die Barrancos hinunter. Und, Freundchen, auch du kochst nur mit Wasser und wirst auch noch erkennen müssen, daß man seine Reserven nicht ungestraft antastet.

Gesamtwertung nach der dritten Etappe: 1. Enrique Sevilla Vecino (Spanien) 355 Punkte, – 2. Antonio Mascaro Gomila (Spanien) 323, – 3. Robert Bartonek (Österreich, RC UNION Unterguggenberger Wörgl) 323 Punkte, – 4. Javier Pupo Jimenez (Spanien) 305, – 5. Viktor Hugo Santos (Portugal) 264, – 6. Jose-Luis Blanco Soto (Spanien) 229

2. Etappe: Las Palmas de Gran Canaria – Agaete – Moya, 70 km

Dienstag, 2. Dezember 2008

Habe ich gestern noch mutlos geklungen und davon gesprochen, daß die Rundfahrt schon verloren ist? Ha, so schnell wendet sich das Blatt: Heute habe ich die Königsetappe gewonnen, die über 4 Berge und 70 km nach Moya führte. Es war ein taktisches Meisterstück, und ich bin wirklich stolz auf meine Leistung. In der Gesamtwertung verteidigte der gestrige Etappensieger, Enrique Sevilla Vecino (Spanien), seine Führung, ich habe meinen Rückstand von 121 Punkten auf  18 verkürzt und liege jetzt an der zweiten Stelle!

Die Hauptstadt der Kanaren, Las Palmas, war heute Startort der zweiten Etappe, der Königsetappe, drei Berge, und nach dem vierten war das Ziel oben in Moya. Bin mit dem Auto auf der Autobahn nach Las Palmas raufgefahren und habe dort das Startgelände gesucht. Das hat alles nur eine knappe Stunde gedauert. Gestern hatte ich einen Dämpfer erhalten, ich war etwas frustriert und enttäuscht über das Ergebnis. Nur Rang 34!

Heute also vier Bergwertungen mit Punkten für den Bergpreis, der mir ziemlich egal ist, aber auch für die Gesamtwertung. Die letzte Bergwertung liegt nur 11 km vor dem Zielstrich, und diese 11 km sind auch sehr selektiv. Da kommt diesem Anstieg entscheidende Bedeutung zu. Ich muß heute unbedingt Bergpunkte holen. Und auch im Ziel möchte ich ganz vorne sein. Im Moment liege ich noch 121 Punkte hinter dem Führenden, aber wenn ich diese Rundfahrt gewinnen will, muß ich diesen Rückstand heute ganz entscheidend verkürzen.

Den ersten Anstieg bei Punta la Salina nach 11 km sind wir noch neutralisiert gefahren, der war da nicht besonders schwer, etwa 5 km lang und relativ flach. War zum Aufwärmen ganz gut. In der Abfahrt habe ich dann schon versucht, ganz nach vorne zu kommen, direkt hinter den Vorauswagen der Veranstalter. Das ist gar nicht einfach, wenn so viele Starter alle dasselbe wollen.

Heute ist der wohl wichtigste Tag für mich, gilt es doch, den gestrigen Rückstand zu verkürzen, und dazu ist heute eine ausgzeichnete Gelégenheit, denn es gibt gleich 4 Bergwertungen und den Zieleinlauf. Und neutralisiert wird heute auch nicht viel gefahren, denn es folgt Berg auf Berg. Um am Ende vorne zu sein, ist es unbedingt erforderlich, schon vorher bei den Anstiegen vorne zu sein. Die heutige zweite Etappe führt an der Nordküste entlang und endet hoch oben über dem Meer in Moya auf knapp 500 Metern Seehöhe.  Und die letzte Bergwertung, die nur 11 km vor dem Ziel liegt, hat auch entscheidenden Einfluß auf den Tagessieg.

Erste Bergwertung am El Pagador, ähnlich wie die erste Steigung ist auch diese hier sehr gleichmäßig, es wird konstant schnell und zügig drübergefahren. Weil da vorher neutralisiert gefahren wurde, sind natürlich alle noch extrem frisch, alle wollen sich profilieren und ihr Können und ihre Form beweisen, und das können sie eben nur bergauf. Ich reihe mich ganz vorne ein und versuche so lange wie möglich mitzuhalten.

Der Niederländer Ton Walters gewinnt diese erste Wertung vor Jacques Castan. Ich hole den 13. Rang und damit 8 Bergpunkte, die auch für die Gesamtwertung zählen. Nach der Abfahrt geht es runter nach Galdar und gleich wieder rauf auf den Almagro. Ungefähr ein ähnlicher Berg wie der vorige. Ohne Pause, ohne Neutralisation die Abfahrt und der nächste Anstieg. Diesmal holt sich der Spanier Bernat Vicente Colmillo die Bergpunkte, ich werde Dritter. Es war ein relativ flacher Anstieg, genau richtig für mich.

Jetzt gibt es die Zwangspause, alles kommt wieder zusammen, doch ich habe jetzt schon 38 Punkte geholt! Wir rollen danach geschlossen auf einer kleinen Nebenstraße nach Agaete hinunter, fahren dort eine große Wendeschleife und dann geht es wieder den Berg hinauf, das Rennen wird wieder freigegeben, eine wilde Fetzerei beginnt, Viktor Hugo Santos (Portugal) setzt sich schließlich durch, ich belege den 7. Rang, knappe 10 Sekunden dahinter.

Jetzt erhöhe ich mein Punktekonto heute auf 56 Zähler. Und ein Berg ist noch ausständig. Die Abfahrt, da schließt sich wieder eine größere Gruppe zusammen, danach durch Galdar geht die wilde Jagd und rüber nach Guia, wo wir rechts wegbiegen und sofort im Schlußanstieg sind. Es geht jetzt rauf nach Moya. Die Spitzengruppe ist inzwischen wieder auf gut 40 Mann angewachsen.

Dieser letzte Anstieg ist 8,5 km lang, danach geht es hügelig, aber mit einigen brutal schweren Steilpassagen nach Moya rein, 11 km nach der Bergwertung wartet der Zielstreifen. Und dazwischen keine Neutralisation! Das ist die Chance, das Klassement noch einmal umzudrehen. Aber da darf jetzt nichts danebengehen, da muß alles passen! Kaum in der Steigung, platzt die Gruppe auseinander.

Ich wähle meine altbewährte Methode, mein gleichmäßiges Tempo zu fahren, es ist nicht sehr steil, 7 bis 8 Prozent, ich fahre eine leichte Übersetzung, ich kurble 39/23. Anfangs zieht sich der Pulk auseinander, dann reißen die ersten Löcher, es bilden sich kleine Gruppen, ich fahre ungefähr in der Mitte, schiebe mich dann aber nach etwa der Hälfte des Anstieges näher an die vorderen Gruppen heran. Und sofort steigt die Motivation, ich drücke aufs Tempo, forciere, beschleunige, aber ich bleibe bei meiner Übersetzung von 39/23.

In dieser Phase mache ich viele Plätze gut, es läuft heute ausnehmend gut. Die hohe Frequenz macht mir keine Probleme, das herrlich warme, blaue Sommerwetter tut sein übriges dazu, um meine Motivation anzustacheln. So erreiche ich mit der zweiten Gruppe die Anhöhe und fahre den letzten Kilometer zur Bergwertung. Der Spanier Luis Alberto Garcia holt sich diese Wertung, ich belege den 6. Rang und kassiere weitere 20 Punkte. Jetzt ist nur mehr der Zieleinlauf ausständig.

Meine gute Plazierung darf ich nicht mehr aufs Spiel setzen, ich versuche, an die erste Gruppe ranzukommen, forciere neuerlich, der Abstand beträgt ja nur etwa 25 Sekunden. Es ist der einzige Zieleinlauf ohne Neutralisation vorher. Es gelingt mir nach einem steilen kurzen Anstieg, mich zusammen mit zwei weiteren Fahrern aus der Gruppe abzusetzen und so pendeln wir zwischen den beiden Gruppen. Vorne wird natürlich auch am Anschlag gefahren, denn das Ziel rückt jetzt schnell näher. Der zweite Anstieg, etwa 500 Meter lang, zerreißt aber beide Gruppen.

Vorne zerlegen sie sich selbst, fahren dann kurzfristig alleine durch die Gegend, ehe wieder alles zusammenrückt. Auf den letzten 200 Metern dieses Anstieges setze ich alles auf eine Karte, schalte auf das große Blatt, auf 53/21und sprinte einfach über die Kuppe. Wenn ich schon nicht vorne rankomme, dann möchte ich wenigstens meine Begleiter abhängen. Die Kurbeln scheinen sich durchzubiegen, die Lunge sticht und ächzt, die Beine brennen, die Schläfen und die Stirn pochen ganz entsetzlich, in meiner Brust hämmert das Herz, und als ich die Kuppe erreicht habe, bin ich alleine, es sind noch 4 km und direkt vor mir fahren zwei der ursprünglich vier Spitzenreiter.

Die Beine versagen ihren Dienst, ich muß sie zwingen, ich muß mich zusammenreißen, irgendwie motivieren, gegen die Milchsäure zu fahren, die meinen Körper überschwemmt. Vor mir sehe ich, zum Greifen nahe, die Ortschaft Moya. Also wieder aus dem Sattel, Schwung holen, die müden Knochen auf Touren bringen, nicht langsamer werden, an irgendeinem fliege ich vorbei, ich sehe nicht, ob und wie der reagiert. Ich sehe nur vor mir die restlichen drei Fahrer. Also liege ich an der vierten Stelle. An sich schon eine tolle Plazierung, aber ich weiß, daß ich hier meinen Punktevorrat ganz deutlich erhöhen muß, mich nicht zufriedengeben darf damit, ganz vorne zu sein.

Wieder fahre ich an einem halbtoten Fahrer vorbei, der sich kaum mehr regt, ich fahre, ohne zu atmen, denn das kann ich gar nicht mehr. Zu sehr sticht es in der Brust, in der Lunge, pfeifend sauge ich die Luft in die Bronchien. Oder bilde ich mir das alles nur ein? Es zieht sich noch, diese 3 km bis ins Ziedl, denn die Häuser sind wirklich zum Greifen vor mir. Aber die Straße schlägt einen Bogen nach dem anderen, eine Kehre nach der anderen, wir fahren permanent Kurven, da sind kaum ein paar gerade Meter dazwischen.

Dann habe ich es geschafft. Ich bin dran. Wir sind zu dritt, ich kenne die Typen nicht, der Sieger der letzten Bergwertung ist dabei, Luis Alberto Garcia. Ein kleiner, drahtiger Spanier von vielleicht 50 Kilo. Sofort greife ich an, lasse ihnen nicht eine Sekunde zum Überlegen. Jetzt den Schwung ausnutzen, das möchte ich. Nicht nachher noch einmal antreten, ich weiß, daß ich das nicht mehr schaffe. Ich bin von hinten herangeflogen gekommen, war deutlich schneller als die beiden, und das MUSS man einfach ausnutzen, keine 2 km vor dem Ziel. Ich reiße ein gewaltiges Loch, ich spüre, daß ich alleine bin. Ich setze mich hin, mache mich aerodynamisch klein und gebe alles, was noch in meinen verkrampften Beinen ist.

Noch 1 km. Jetzt fahre ich wie in Trance. Bin ich alleine? Ich weiß es nicht. Ich habe keine Kraft mehr, irgendeinen Gedanken zu fassen. Nur so schnell wie möglich ins Ziel kommen. Viele Zuschauer säumen die Rennstrecke, die wissen ganz genau, daß sie hier den wohl normalsten Zieleinlauf dieser Woche erleben dürfen. Noch ein paar hundert Meter. Da erst bemerke ich, daß irgendso ein Lümmel an meinem Hinterrad hängt.

Das ist kein Schlag für mich, wie man vielleicht annehmen könnte. Nein, das kann ich gar nicht denken. Ohne irgendeine bewußte Überlegung zu fassen, stehe ich auf und trete nochmals an, anscheinend war da doch noch Kraft. Es geht nur darum, um einen Wimpernschlag schneller zu sein, stärker zu sein, wuchtiger zu sein als der andere. Ich weiß, daß ich das gar nicht kann mit normalen Mitteln, aber ich bin jetzt in einer solchen Euphorie, da ist es völlig belanglos, wieviel Energie mir noch geblieben ist. Einen Tritt, nur einen einzigen, schnellen, kräftigen Tritt mehr machen als der Gegner.

Wenn ich es physisch nicht kann, dann zwinge ich meinen Körper dazu, ich zwinge ihn, indem ich es ihm befehle. Es klappt, ich schieße als Erster durchs Ziel, und ich weiß, daß das der wohl wichtigste Schritt zum Toursieg war. Aber in dem Moment überwiegt die Freude, die mich absolut und überall durchdringt. Ich habe keine Ahnung, was dieser Tagessieg für die Gesamtwertung bedeutet, wie das Klassement jetzt aussieht, aber ich weiß, daß ich ganz vorne mit dabei bin.

Ich stehe irgendwo nach dem Zielband am Straßenrand, atme, versuche wenigstens, zu atmen, und von allen Seiten kommen wildfremde Menschen auf mich zu, klopfen mir auf die Schulter, beglückwünschen mich und gratulieren mir. Bis zur Siegerehrung (es gibt ja pro Etappe nur 3 Preise) habe ich mich einigermaßen erfangen. Die Abschlußetappe des heutigen Tages aber steht noch aus, ich muß noch 25 km teils bergab zurück nach Las Palmas zum Auto fahren.

Ergebnisse, Gesamtwertung nach der 2. Etappe: 1. Enrique Sevilla Vecino (Spanien) 263 Punkte, – 2. Robert Bartonek (Österreich, RC UNION Unterguggenberger Wörgl) 245, – 3. Antonio Mascaro Gomila (Spanien) 219, – 4. Javier Pupo Jimenez (Spanien) 207, – 5. José Pires (Portugal) 207, – 6. Luis Alberto Garcia (Spanien) 204

Ergebnisse, Gesamtstand im Bergpreis nach 2 Etappen (5 Bergwertungen): 1. Luis Alberto Garcia (Spanien) 92, – 2. Robert Bartonek (Österreich, RC UNION Unterguggenberger Wörgl) 76, – 3. Cesar Mendonca (Brasilien) 75, – 4. Jaime Font (Spanien) 65

1. Etappe: Maspalomas – Mirador de Ayagaures – Maspalomas, 31,1 km

Montag, 1. Dezember 2008

Heute geht es also richtig los, die erste Etappe, wohl mehr zum Einrollen gedacht mit ihren gerade mal 31 Kilometern, steht auf dem Programm. Und mit ihr einer der vor allem für Radtouristen wohl populärsten Anstiege der Insel, der Barranco del Ayagauros, hinauf auf den Mirador del Ayagaures, 11 km lang und bis zu 10 % steil. Ich bin nervös, ziemlich sogar, das Starterfeld ist riesig, an die 400 Fahrer stehen parat und setzen sich pünktlich um 11 Uhr in Bewegung. Meine Taktik? Heute abwarten und sehen, wie die Konkurrenz drauf ist.

Wichtig ist heute nur der Zieleinlauf, da heißt es beizeiten in Position fahren. Zunächst mal läuft alles wie erwartet, wir fahren geschlossen und neutralisiert hinter einem winzigen Vorausauto, einem Jeep, aus Maspalomas raus, queren die nördliche Umfahrungsstraße und sind sofort auf einer eher schmäleren Straße in Richtung Berge unterwegs, wenige Kilometer später sind wir auch schon im Hochtal des Barranco del Ayagaures, die Straße steigt gemächlich an, mit gerade mal 1 bis 2 %.

Miguel Indurain startet die erste Etappe, es geht zur Plaza de la Constitiucion in Maspalomas, wo die Etappe dann offiziell gestartet wird.

Den Berg selbst ignoriere ich völlig, das heißt, ich fahre langsam und bedächtig hinauf, gleichmäßig, und gleichmäßig falle ich auch zurück. Viele fahren an mir vorbei, und da kommen mir erstmals Bedenken, ob diese Taktik die richtige ist. Kann ich es mir überhaupt leisten, auf die Bergpunkte zu verzichten? Ist das nicht Größenwahn?? Egal, einmal eine Taktik im Kopf, muß ich mich auch daran halten, abgesehen davon, ist es jetzt sowieso zu spät, sie zu ändern.

Irgendwann bin auch ich oben am Aussichtspunkt und kann die Aussicht genießen, man sieht runter in den Barranco, mondähnliche Wüstenlandschaft, so weit das Auge reicht.

Ich habe trotz meiner langsamen Wutzlerei gerade mal 15 Minuten Rückstand aufgerissen. Natürlich keine Punkte. Und auch nur kurze Pause oben am großen Parkplatz, da sind mehrere Buffetstationen aufgebaut, da gibt es Trockenobst, Bananen, Nüsse, Biskuit, Schokolade, Energieriegel, Müeslischnitten, Mehlspeisen, Kuchen, Obst, Tee, Elektrolytgetränke, Orangensaft (natürlich frisch gepreßter!). Ich stopfe mir die Trikottaschen voll, schließlich soll das das Abendessen sein. Es dauert nicht lange, dann geht es wieder weiter, natürlich neutralisiert, den  Berg auf der anderen Seite runter, durch das Tal raus in Richtung Küste, nach Maspalomas zurück.

Jetzt ist die Plazierung im Ziel dann wichtig, also arbeite ich mich gleich nach der Abfahrt nach vorne in Richtung Auto. Das ist natürlich ein sehr begehrter Platz, den gibt niemand so leicht her, wenn er ihn einmal besetzt hat. Während ich um jeden Zentimeter kämpfe (die Sturzgefahr ist nur deshalb relativ gering, weil das Tempo so gering ist!), kommen wir dem Ziel immer näher und viel zu früh wird das Rennen freigegeben.

Da  beugt sich ein fetter Wicht aus dem Beifahrerfenster und schreit durchs Megaphon Vamos, vamos!!!, dann beschleunigt der Jeep langsam, 32 km/h, 35, 40, 45, 50, 60… usw. Wenn man da nicht gleich zu Beginn eine ausgezeichnete Position hat, ist jede Chance vorbei, ganz vorne zu landen. Man ist entweder zu weit hinten oder zu weit außen und ist zu früh abgerissen. Dieses Schicksal ereilt auch mich. Es zerreißt mich förmlich, als ich abreiße, ab er da hängen noch etwa 30 Mann am Auto dran.

Leider bin ich unmittelbar vor der Steigung abgerissen , die da zwischen den Dünen und Maspalomas liegt, den wir von der Küste kommend Richtung Maspalomas überwinden müssen. Viel zu lang, viel zu steil, obwohl er relativ flach und ganz kurz ist. Aber in dem Zustand der völligen Auflösung ist das zu viel. Ich trete förmlich auf der Stelle und weiß nicht mehr, wie ich ins Ziel gekommen bin. Ganz oben, im roten Bereich sozusagen, fehlt es mir ganz gewaltig, da fehlen einfach die Rennen der letzten Wochen. Auf den letzten 5 km flitzen noch einige Fahrer an mir vorbei, die schon vor mir abgerissen sind, die ich aber nicht halten konnte. Habe also noch ziemlich verloren. Ist jetzt die ganze Rundfahrt schon verloren? Platz 34 nach dieser 1. Etappe ist nicht gerade hoffnungsvoll.

Egal, jetzt muß ich das erst mal verdauen, dann sehe ich weiter. Morgen steht die Etappe auf dem Programm, auf die mich schon seit zwei Wochen konzentriert habe. Die Königsetappe im Norden der Insel mit insgesamt vier Bergen. Und auch das Ziel liegt oben am Berg. Da heißt es also endgültig die Karten aufdecken.

Ergebnisse, Gesamtwertung: 1. Enrique Sevilla Vecino (Spanien) 155 Punkte, – 2. José Pires (Portugal) 122, – 3. Viktor Hugo Santos(Portugal) 112, – 4. José-Juan Gonzales-Sanchez (Spanien) 108, – 5. Pedro Pulido Lopez (Spanien) 104,  weiters: 34. Robert Bartonek (RC UNION Unterguggenberger Wörgl)  34 Punkte

Sonntag, 30. November 2008

Gestern ist der Flug planmäßig gestartet worden, aber verspätet angekommen, nämlich erst um 21.30 Uhr. So ein Nachtflug ist sowas von fad, alles ist finster, draußen sowieso, aber nach kurzer Zeit schlafen auch im Flugzeug alle. Hatte sowieso so einen unguten Sitznachbarn, einen dicken, fetten, der geschnauft und gerochen (gestunken!) hat. Dann die Landung auf Gran Canaria, das Warten auf das Gepäck. Aber dann haben die Strapazen angefangen. Mußte mir erst mal einen Leihwagen organisieren.

Ist nicht sehr einfach, denn ich mußte ja mein Gepäck immer mitschleppen. Der Radkarton, vollgestopft mit Rad, Laufräder, Reservelaufräder, Werkzeugkiste, Ersatzmaterial, Reifen, Schläuche, Luftpumpe, Helm, Radschuhe, Zahnkränze, Speichen, Kette, Bremsbeläge, Seilzüge, den Rennrahmen habe ich mit Dämmaterial eingewickelt. Dazu eine große Sporttasche mit 20 kg Gepäck, dazu das Handgepäck, all das mußte ich mitschleppen auf der Suche nach einem Stand einer Leihwagenfirma. Weil die ganze Aktion so überhastet abgewickelt worden war, hatte ich nur den Flug gebucht, sonst nichts. Kein Leihwagen, kein Quartier. Das muß ich alles jetzt erst vor Ort machen.

Gegen 23 Uhr bin ich dann mit dem Wagen losgefahren. Ein Opel Commodore mit Bordcomputer und GPS ausgestattet, mein Gepäck im Kofferraum. Rauf auf die Autobahn, die einzige der Insel, die von Palma nach Süden bis Maspalomas führt, immer am Meer entlang. Ich also Richtung Süden, bin dann bald von der Autobahn runter, auf die Seite in die Wildnis gefahren, Auto geparkt, Sitzlehne runtergeklappt und geschlafen. Es war eine warme, um nicht zu sagen, heiße, Nacht. Nach kurzer Zeit mußte ich die Scheiben runterfahren, weil´s so heiß war. Hab dann bis halb acht geschlafen.

Bin dann bis Playa del Ingles weitergefahren, Auto auf einem großen Parkplatz im Zentrum geparkt, Rad zusammengebaut, Karton geleert und verstaut, umgezogen, dann bin ich eine kleine Trainingsrunde gefahren, und zwar die gesamte morgige erste Etappe. Es war ein herrlicher Tag, strahlend blauer Himmel, kein noch so kleines Wölkchen am Himmel, 24°, kurzärmelig, Windjacke eingesteckt, bin ich rein nach Maspalomas und dann rauf nach Ayagaures.

Der 10 km lange Anstieg, den bin ich locker und langsam, gleichmäßig und mit richtig wohltuendem Tempo raufgefahren, wichtig war mir dann der Zieleinlauf, über Sonnenland und Oasis de Maspalomas runter, auf der Rückfahrt rauf nach Maspalomas war da noch ein kurzer, aber steiler, knackiger Anstieg zu fahren, über den ich mich richtig plagen mußte. Der war nämlich gut 400 Meter lang. Wirklich erstaunlich, daß es hier im einzigen Flachland der Insel, so einen Anstieg gibt.

Der Barranco de Ayagaures mit dem Stausee, im Vordergrund ist auch die Straße zu sehen.

Danach habe ich mich in ein Strandrestaurant gesetzt und mal eine Portion Nudeln verdrückt, ehe ich mich aufgemacht habe, in den Süden von Maspalomas und mir ein Quartier gesucht habe. In der riesigen Appartment-Anlage bin ich dann fündig geworden, ich bekam die Nummer 475 c zugeteilt. Das war ein eigenes Haus, im Erdgeschoß ein WC, ein Abstellraum, eine Kochecke, ein Wohnzimmer, dann im ersten Stock oben ein Schlafzimmer, ein WC, ein Balkon, alles vollständig eingerichtet.

Am Nachmittag bin ich dann noch eine Einheit gefahren, diesmal auf einer anderen Rennstrecke, nämlich auf der nach Nordosten, der Küste entlang Richtung Palma, bin ich einfach eine Stunde lang gefahren, dann habe ich umgedreht und bin gegen den Wind zurückgefahren.

Maspalomas/Playa del Ingles

Als nächstes war dann ein Besuch im Hotel Oasis in Playa del Ingles am Programm, dort mußte ich mich einschreiben, die Startnummer mit Startpaket abholen, mit der Konkurrenz plaudern, die war ja da reichlich vorhanden. Ein kleines Buffet gab es da auch, und vor lauter Tratschen ist es dann schon fast finster geworden. Auf dem Rückweg habe ich noch schnell eingekauft, eine 6er-Packung Mineralwasser, Orangensaft, Nudeln, Pasta, Parmesan. Alles heimgeschleppt und schlafen gegangen.

Laut Programm sind auch drei Stargäste angekündigt, nämlich Miguel Indurain und Marino Lejaretta (beide Spanien) und Claudio Chiappucci (Italien). Bei der heutigen Nummernausgabe und dem anschließenden Bankett ist Chiappucci aber nicht erschienen, er hat sich entschuldigen lassen. Die beiden anderen aber waren anwesend. Dementsprechend sind sie auch vor allem mit Autogrammwünschen bedrängt worden. Angeblich soll Indurain morgen auch selber an den Start gehen. Es können schließlich nicht viele von sich sagen, daß sie Indurain in einem Rennen geschlagen haben.

Gran Canaria/Maspalomas

1. – 7. Dezember 2008

Hallo, Leute! Im sechsten und letzten Teil unserer Rennberichte über die Saison 2008 möchte ich euch in den sommerlichen Süden entführen, genauer gesagt nach Gran Canaria, den südlichsten Teil Europas, der schon südlicher liegt als Nordafrika. Ich habe erst vor zwei Wochen mich entschlossen, diese Rundfahrt zu bestreiten, als ich nach Beendigung der Saison gemerkt habe, daß ich immer noch in toller Form bin. Diese Form will ich jetzt unbedingt noch ausnutzen, wäre ja direkt ein Verbrechen, sowas im Winter langsam auslaufen zu lassen.

Ich bin diese Rundfahrt vor Jahren schon einmal gefahren, war damals Fünfter. Das Gelände ist sehr schwer, viele Berge, viele Höhenmeter. Der Modus dieser Rundfahrt ist eigenartig und ausgefallen: nicht wie üblich wird hier die Fahrtzeit der einzelnen Etappen addiert, sondern die Fahrtzeit wird nur für die Statistik hergenommen. Gewertet wird nach Punkten. In der Gesamtwertung scheint nur auf, wer alle Etappen auch beendet. Das heißt, man kann auch Etappen aufgeben oder überhaupt auslassen, scheint dann aber in der Gesamtwertung natürlich nicht auf.

Es gibt einen Start, gewertet wird in zwei Kategorien: bis 40 Jahre und über 40 Jahre. Vom Start weg wird neutralisiert gefahren, das heißt, das mit 26 bis 28 km/h fahrende Vorausauto darf nicht überholt werden. Zu Beginn der Steigung wird das Rennen freigegeben, es gibt einen Sprint den Berg hinauf, oben werden die ersten zwanzig der Bergwertung mit Punkten belohnt. Oben gibt es auch eine Zwangsrast mit Gratis-Verpflegung, danach wird neutralisiert den Berg runtergefahren und zurück zum Ziel. Etwa 10 bis 15 Kilometer vor dem Ziel wird das Rennen neuerlich freigegeben. Die ersten 50 im Ziel werden wieder mit Punkten bedacht. Wer die meisten Punkte hat, gewinnt.

So weit, so gut. Jetzt gibt es aber noch ein paar Besonderheiten, die der Erwähnung bedürfen: Für die Gesamtwertung werden die Bergpunkte und die Zielpunkte addiert, die Bergpunkte aller Etappen werden für den Bergpreis addiert. Interessantes Detail: wenn ein über 40jähriger unter die ersten 50 der Tageswertung kommt, kassiert er doppelte Punkte, d.h. die der jüngeren Klasse gleich mit. Daher bin ich auch überzeugt, daß ein über 40jähriger die Gesamtwertung dieser Rundfahrt gewinnt.

Ein noch viel interessanteres Detail: wenn das Rennen freigegeben wird, passiert das nicht so, daß das Vorausauto wegschwenkt, sondern das beschleunigt ganz langsam und gleichmäßig, sodaß nicht alle Fahrer sofort alleine sind, sondern eine größere Gruppe direkt hinter dem Vorausauto am Pkw dranbleibt und den Windschatten ausnutzt. Während der weiter beschleunigt, fallen aus dieser Gruppe immer mehr zurück, so lange, bis niemand mehr übrigbleibt. Beim Zieleinlauf fallen dadurch z.B. die Fahrer nicht in Gruppen zurück, sondern einzeln, und das mit sehr hohem Tempo, denn bis 60 oder 70 km/h kann bald jemand mithalten. Erst wenn der Wagen dann mit 80 Sachen oder noch schneller fährt, fällt auch der letzte zurück, in einem bedauernswerten Zustand: man rast zwar mit gut 80 Sachen dahin, hat aber keine Luft, ist völlig blau und explodiert in dem Moment. Ist ein ganz lustiger Anblick. Und das Tag für Tag.

Meine Erwartung für diese Rundfahrt? Nachdem ich schon mal Fünfter gewesen bin, möchte ich schon gerne gewinnen. Man muß sich halt mit dieser seltsamen Art der Wertung arrangieren und das Beste daraus machen. Wenn man am Berg etwa eine Viertelstunde verliert, so verliert man in Wirklichkeit nur die Punkte, die der Sieger kassiert, eigentlich genauso viel, als wenn man eine halbe Stunde Rückstand hat. Wichtig ist nur der Zieleinlauf und der Umstand, daß ich nach Möglichkeit unter den ersten 50 sein muß, um doppelte Punkte zu kassieren.

Regnet es eigentlich auf dieser Insel auch? Weiß nicht, hoffentlich nicht im Dezember. Ich habe beim letzten Mal hier miterleben können, wie sie alle bei JEDER Wertung auf Biegen und Brechen hineingehalten haben. Wenn man jetzt also auswählt, die Bergwertungen zum Beispiel einfach ignoriert, sich auf den Zieleinlauf konzentriert und dort dann mehr investieren kann? Ob  ich am Berg 1 Minute Rückstand habe oder 20, ist sowieso egal, nachher geht es ja wieder neutralisiert weiter.

Hab mir auch schon eine Etappe rausgesucht, von der ich glaube, daß sie die entscheidende ist. Dort wird die Taktik geändert, denn dort sind mehrere Berge hintereinander zu fahren. Wenn ich da am ersten Berg mit der ersten Gruppe mithalte, bin ich automatisch beim zweiten Anstieg vorne, beim dritten vielleicht in den absolut schnellsten 20. Das wären dann die entscheidenden Zusatzpunkte. Naja, vielleicht täusche ich mich auch, und alle anderen kommen mit derselben Taktik und sind um Klassen stärker als ich.

In dieser Umgebung, ohne Ablenkung, wo ich nur mit Essen, Regeneration, Rennen, Taktik, Schlafen und der Konkurrenz beschäftigt bin, da werde ich wirklich richtig gut. Weil alles so überraschend schnell und improvisiert gegangen ist, habe ich mich gerade mal angemeldet und nach einem Flug Ausschau gehalten. An ein Quartier habe ich nicht gedacht, ist auch nicht so wichtig, das kann ich immer noch machen, wenn ich dann dort bin. Das Hinkommen ist viel wichtiger.

Der Flug geht jetzt also am Samstag, 29. November, um 16.45 Uhr, Ankunft Gran Canaria 21 Uhr,  vielleicht auch ein paar Minuten später. Dann ist Eile angesagt, denn ich habe dann so gut wie gar nichts. Muß mich erst um einen Leihwagen bemühen, dann ein Quartier finden. Den Sonntag habe ich dann noch frei, da ist Zeit für die Einschreibung, Startnummer und -paket abholen, eine lockere Trainingsrunde am Vormittag, eine am Nachmittag, Material überprüfen und mal anpassen an das Sommerwetter. Am Montag geht es dann richtig los, die erste Etappe, kurz, zum Einrollen, steht am Programm.

Samstag, 8. November 2008: Straßenrennen Trofeo Festa Padana in Pramaggiore (I), 72,5 km

Das voraussichtlich letzte Rennen der Saison, das Wetter ist noch immer sehr, sehr mild und warm, bei wolkenlosem Hiummel zeigt das Thermometer immer noch 19° an. Starker N-Wind macht das Rennen schwer. Wir fahren zehn Runden auf einem 7-km-Rundkurs mit Start und Ziel in Pramaggiore, der Rundkurs ist topfeben.

Bereits die erste Runde ist voller Action, viele Angriffe, viele Konter, aber alles bringt nichts ein, nach der ersten Runde Feld geschlossen. In den nächsten Runden ändert sich an diesem Bild nichts, und langsam kristallisiert sich – wieder einmal, welche Überraschung – Riccardo Tarlao als das Zentrum der Angriffe heraus. Wann immer er an die Spitze geht, wird´s hektisch. Ein paarmal kommt er in einer kleinen Gruppe weg, aber man spürt, daß die Zeit noch nicht reif ist, ert wird immer wieder zurückgeholt.

Zwischendurch tue ich mir immens schwer, aber als ich mich dann zusammennehme und richtig konzentriere, geht es wieder. Das Rennen ist schnell, man kommt einfach nicht zur Ruhe, es passiert andauernd was, und das heißt auch, man muß stets konzentriert und aufmerksam fahren, denn jede Attacke kann die entscheidende sein. Genau das macht diese italienischen Rennen ja so schwer.

Als dann die Konzentration etwas nachläßt, in der 8. Runde, kommt Tarlao prompt in einer kleinen Gruppe weg. Und diesmal ist er nicht mehr so einfach einzuholen, denn im Feld ist man sich nicht einig. So vergrößert die Spitze ständig ihren Vorsprung, und bald schon – eigentlich von Anfang an – wird klar, daß die den Sieg unter sich ausmachen.

Nachdem in den beiden letzten Runden auch aus dem Feld noch viele Attacken gekommen sind – die aber allesamt wieder zunichte gemacht wurden – gibt es da einen Massensprint, in dem ich mich an der 14. Stelle plaziere. Nicht schlecht für einen Nichtsprinter wie mich. Aber leider hatte ich während des Rennens nicht die Möglichkeiten, die ich gesucht habe. Für Einzelaktionen war es viel zu schnell, in der Gruppe hatte ich kein Glück. Irgendwie schade, daß die Saison jetzt zu Ende ist und ich mit einer so guten Form in die Winterpause gehen muß.

Samstag, 1. November 2008: Rundstreckenrennen in Buso di Rovigo, Memorial Pietro Favalli (I), 48 km

Es ist empfindlich kälter geworden, hat aber immer noch 14° – mit Österreich kein Vergleich. Wir starten etwas verspätet, kurz nach 12 Uhr, der Stadtrundkurs ist 4,8 km lang und wir müssen zehn Runden absolvieren.

Der Kurs ist nicht sonderlich eckig, aber ein paar Kurven sind dabei, die wirklich nicht ohne sind. Bei einem großen Starterfeld kann es da durchaus Probleme geben. Wir sind 65 Starter, und auch das sind schon viele. Gut, der Haufen zieht sich in die Länge, es reißen sofort die ersten Löcher und dadurch bilden sich gleich in den ersten zwei Runden einige Gruppen. Vorne bleibt eine etwa 30 Mann starke Gruppe beisammen. Anfangs habe ich durchaus Probleme, das hohe Tempo mitzugehen, aber ich gewöhne mich schnell daran.

Runde um Runde wird das Feld kleiner. Keiner schafft es, sich auf Dauer vorne abzusetzen. Es gibt zwar pausenlos Angriffe, aber die bringen alle nichts ein. Das Feld ist viel zu schnell unterwegs, als daß da jemand richtig wegkommen könnte. Ein paar Sekunden lang halten sich die Ausreißer vorne, ehe sie wieder gestellt werden. Es kostet einige Substanz, die vielen Antritte mitzufahren. Mit der Zeit wird es aber gleichmäßiger, die Angriffe weniger. Ich tue mir leichter, mitzuhalten.

So geht es bis zur 8. Runde. Der Rennverlauf ist bis dahin schon etwas einschläfernd, weil gleichmäßig und fade. Dann, plötzlich, ein Antritt, ein Angriff, und nichts ist mehr so wie vorher. Ich hatte mich auch von der allgemeinen Faulheit anstecken lassen und war dadurch auch überrascht worden, abgesehen davon war ich ja gar nicht in der Position gewesen, um zu reagieren. (Ich habe von hinten alles nur mitansehen können.) Einer hat angegriffen, zwei, drei andere ziehen nach, nach einer kurzen Schrecksekunde ein vierter, dann ein fünfter. Aber irgendwas ist anders als sonst. Sie nehmen die Beine nicht mehr hoch, nein, sie ziehen voll durch. Und das heißt vor allem eines: hier geht es um die Entscheidung!

Die 6-Mann-Gruppe ist erst mal weg, dahinter formieren sich umständlich die Verfolger, dann gibt es welche, die nicht so umständlich sind und gleich nachfahren, das gleiche Bild wie vorher: einer sprintet weg, zwei, drei andere hängen sich an, und dann reagiert man auch im restlichen Feld, und ich bin inzwischen auch schon an der Spitze des Feldes und mische mit. Als der nächste an mir vorbeisprintet, hänge ich mich an und bin sofort vor dem Feld.

Eine längere intensive Phase beginnt, wir hängen voll am Anschlag drin, hohes Tempo, 55 km/h, 53/13 oder 14. Langsam bildet sich eine Verfolgergruppe, da kann sich keiner von der Führungsarbeit drücken. Das Tempo ist auch so hoch, daß man da sofort weg ist, wenn man ein kleines Loch hat. Ich schaffe es gerade noch bis zu dem Zeitpunkt, da sich die Gruppe zusammengefunden hat. Als es in die 9. und vorletzte Runder geht, haben wir einen sicheren Vorsprung. Vor uns die Spitzengruppe, 6 Mann, die aber auch voll draufdrücken. Sie liegen etwa knappe 100 Meter vor uns.

Die ganze vorletzte Runde vergeht damit, daß wir uns Millimeter um Millimeter näher an die Spitze ranschieben. Ich frage mich immer öfter, ob das noch einen Sinn hat, denn wenn wir so weiterfahren, brauchen wir noch etwa 200 Runden, bis wir dran sind. Doch dann geht es doch schneller. Gong zur Schlußrunde, wir liegen etwa 5 Sekunden zurück, und da ist es klar, daß wir noch mal rankommen. Die Frage ist nur, wie, ob wir da gleichmäßig hinfahren oder es vorher eine Fetzerei gibt, unsere Gruppe zerfällt, und während ich das noch denke, passiert es auch schon. Attacke, Konter, nachfahren, und wir sind wieder mitten im ärgsten Streß.

Zwei Mann sprinten hin, velängern gleich, vorne schauen sie sich an, der letzte der Gruppe springt noch vorne hin, jetzt wird es unübersichtlich und hektisch. Die letzten drei Kilometer, noch einmal wird forciert. Ich habe nach wie vor ein kleines Loch zur Spitze, kann es aber nicht zufahren. Ich habe keine Luft mehr, hinter mir hängen noch drei Mann dran, die alle keine Anstalten machen. Also wieder altbewährte Methode, in einer Kurve trete ich an, beschleunige, setze mich aber gleich wieder hin, hinten hat einer sofort reagiert, ich schwenke weg, mache ihm Platz, hänge michn sofort an sein Hinterrad. Und wirkliuch, er fährt und zieht auch brav, und sofort sind wir vorne dran, doch in dem Moment wird dort wieder attackiert, die Gruppe zerfällt abermals. Wir passieren die 1000-m-Marke.

Großes Finale. Jeder gegen jeden. Offener Schlagabtausch. Das ist nichts für mich, ich habe keine Substanz mehr, ich hänge hinten drauf und hoffe, daß mein Vordermann das Richtige macht. Der fährt ein Loch zu, ein zweites aber nicht mehr. Ich erkenne sofort, daß das jetzt das entscheidende ist, ich erkenne es im Bruchteil einer Sekunde, aber ich kann nicht handeln. Nichts mehr in den Beinen. Und das ist auch wirklich die Entscheidung. Drei Mann sind vorne weg, dahinter nochmal drei, dann meine Gruppe, wir sind auch zu dritt. Abstand etwa 20 Meter von Gruppe zu Gruppe. Noch 400 Meter, ich sehe und weiß, daß es sich nicht mehr ausgeht, die Motivation fällt, doch dann raffe ich mich doch noch einmal auf, sprinte ins Ziel, mit voller Konsequenz, ein paar Meter vor dem Strich zwängt sich gerade mal noch ein Mann vorbei. Das ist der achte Platz.

Die 48 km haben wir in 61Minuten abgespult, das ist ein Schnitt von 46,9 km/h! Nicht ohne für ein Rennen im November! Ich habe auch an mir Defizite festgestellt, vor allem im obersten Pulsbereich ist die Form doch nicht mehr so gut wie noch vor einiger Zeit. Oder war das nur eine etwas schwächere Tagesform? Egal, das nächste Rennen am nächsten Wochenende, das letzte in dieser Saison, wird es sicherlich zeigen.

Sonntag, 26. Oktober 2008: Straßenrennen um den Gran Pemio di Cittá die Caorle in Sansonessa di Caorle (I), 93,4 km

Wieder ein riesiges Starterfeld, das davon zeugt, welch ein Klassiker dieses Rennen ist.  293 Starter nehmen die lange Distanz in Angriff. Und wieder herrliches Radsportwetter, 21°, strahlend azurblauer Himmel, aber diesmal, wie hier in dieser Gegend üblich, sehr starker Wind. Immerhin sind wir hier in Caorle am Meeresufer.  Wieder sind die üblichen Favoriten dabei, damit ist es automatisch ein sehr stark besetztes Rennen.

Bereits die ersten Kilometer werden sehr schnell gefahren, und ich habe zu tun, um mich da nach vorne zu arbeiten. Langgezogen ist das Feld, einerseits durch das hohe Tempo von ca. 56 bis 58 km/h (wir fahren die ersten 8 km mit Rückenwind), andererseits durch den starken Wind. Man kommt einfach nicht mehr nach vorne, denn dazu müßte man im Wind fahren, was bei dem langgezogenen Feld unmöglich ist. Daher heißt es jetzt aufpassen und hoffen, daß nicht irgendwo vorne in der Reihe ein Loch reißt. Die zweite Gerade, 10 km lang, ist verteufelt schwer, denn jetzt bläst der Wind von schräg hinten. Die dritte Gerade, 4 km lang, ist noch schwerer, denn wir fahren jetzt ziemlich genau gegen den Wind. Viele Attacken und Bewegungen im Feld sorgen laufend für Unruhe und Hektik.

Immer, wenn es wirklich brenzlig wird, ist vorne Riccardo Tarlao beteiligt. Wenn der weiter hinten hängt, in den Tiefen des Feldes verborgen, besteht kaum Gefahr. Aber meist ist der Junge vorne und sorgt für Radau, und dann kann man sich hinten die Seele aus dem Leib strampeln und wird dennoch abgehängt. Die erste Runde geht gerade noch gut. Aber das Feld ist sehr viel kleiner geworden, und auf den letzten 9 km zurück nach Caorle wird schräg gegen den Wind gefahren, die Wirkung ist verheerend. Sofort bilden sich unzählige kleine Staffeln und Gruppen, dazwischen immer wieder Einzelfahrer, die aber auf verlorenem Posten stehen. Alleine schafft man gerade mal – bei vollem Einsatz – 30 bis 32 km/h, in der Gruppe doch 40 bis 44 km/h.

In der zweiten Runde ist es dann soweit. Unzählige Male hat Tarlao seine Attacke vorbereitet, jetzt ist es dann sehr schnell geschehen. Mit einem Mal, ganz unspektakulär, ist eine etwa 12köpfige Gruppe vorne weg, dahinter wird ganz kurz versucht, nachzufahren, aber niemand will sich investieren, und ohne Aufwand geht es halt nicht, verlorenes Terrain wieder zurückzuholen. Im Gegenteil, dazu muß man schneller fahren als die vordere Gruppe. Und weil die schon am Limit sind, ist es eigentlich nicht möglich, nochmal aufzuschließen.

Und nachdem die erste Gruppe weg ist, geht das Gemetzel munter weiter. Jetzt wird das restliche Feld durch viele – leider sinnlose – Attacken aufgerieben, immer wieder bilden sich kleine Gruppen, die Situation ist, wie nüblich, ziemlich unübersichtlich. Es kostet enorm viel Kraft, da gegen den Wind ein Loch zuzufahren, was aber v öllig sinnlos ist, denn sofort geht das nächste auf. Irgendwann fährt man keines mehr zu, dann ist man abgehängt. Ende der Geschichte.

Zwei Runden sind absolviert, wir haben mit einer ganz großen Gruppe etwa eineinhalb Minuten Rückstand auf die Spitze, auf der Rückenwind-Geraden versuchen sie noch einmal, vorne heranzufahren. Aber sie geben sich damit zufrieden, 55 km/h zu fahren, aber ich weiß, daß sie vorne 60 fahren, also wird der Abstand eigentlich größer statt kleiner. Spätestens, als es dann nach Norden geht, schräg mit dem Wind, merken sie die Aussichtslosigkeit ihres Unterfangens. Es ist einfach keine Kontinuität gegeben, was hilft es, wenn da einer in einem Wutanfall 300 Meter mit 60 km/h fährt, der nächste ist dann so blau, daß er einen Kilometer braucht, um am weggeschwenkten Fahrer überhaupt vorbeizukommen.

Es ist einfach viel zu unrhythmisch, im Grunde aber ist von den starken Fahrern dieser Gruppe keiner daran interessiert, den Haufen nochmal vorne ranzuführen. Also bleibt nur der Kleinkrieg. Mann gegen Mann, auf diese Art wird die Gruppe auch schnell kleiner. Mir geht es jetzt nicht mehr darum, vorne aufzuschließen, denn diese Chance ist endgültig vertan. Jetzt kann ich nur mehr den Schaden begrenzen, das heißt, versuchen, in einer der vorderen Gruppen unterzukommen.

Das aber bedeutet, entweder aktiv am Gemetzel teilzunehmen, oder passiv im Hintergrund warten, da kann es sich aber sehr leicht ergeben, daß eine Gruppe ohne mich geht. Was auch ein paarmal passiert. Kleine Gruppen, drei bis fünf Mann, die sich da einzeln nach vorne absetzen. Aber kaum geht es darum, ein kontinuierlich hohes Tempo gegen den Wind zu fahren, zeigen sich schnell die Grenzen der einzelnen Fahrer auf. Auf diese Weise kommt natürlich niemand entscheidend weg, aber der Vorsprung der Spitzengruppe vergrößert sich ständig.

Ein paarmal schalte ich mich dann im Finale auch noch ein, aber es ist jedesmal vergebens. Ich fahre ein Loch zu, mit dem letzten Dreck, pfeife aus dem letzten Loch, dann nehmen sie alle die Beine hoch und das Theater beginnt von neuem. Da ist viel Glück dabei, und 5 km vor dem Ziel ergreife ich endgültig die Initiative, fahre einfach drauflos, mache mich klein und windschlüpfrig, 53/15, ohes Trempo, viel Kraft, und ohne auf irgendwen zu achten, fahre ich. Es bildet sich einre kleine 5-Mann-Gruppe, wir kommen auch näher an die Gruppen vor uns heran, aber ganz holen wir sie nicht mehjr ein. Dann sind wir auch sch9on im Ziel.

Der Sieg geht an Luciano Guidolin (GS Aliplast Zerotino), der in 2:10:49 (Schnitt 41,5 km/h) im Sprint vor Dario Selmin (GS Frenocar Cicli Bilato), Fabbrizio Verza (Team Adige) und Riccardo Tarlao (GS De Luca Portogruaro) gewinnt, mir bleibt mit 3:31 Minuten Rückstand der 21. Platz.

Samstag, 25. Oktober: Dreiländer-Straßenrennen in Lenti (Ungarn), zugleich Ungarisches Saisonabschlußrennen, 90 km

Nachdem ich im Vorjahr bei diesem Rennen am Stockerl gestanden bin, möchte ich diesmal den Sieg – angesichts meiner nach wie vor guten Form hoffentlich keine Träumerei! So muß ich leider vor Ort dann erst feststellen, daß wir heuer auf ganz anderer Strecke fahren, ich also den selektiven Kurs des Vorjahrs heuer nicht mehr vorfinden werde. Die aktuelle Strecke ist dem Dreiländer-Marathon nachempfunden, den der rührige Radsportklub aus dieser Ecke Ungarns auch jährlich veranstaltet, aber das wiederum hilft mir nichts, weil ich diesen Kurs nicht kenne. Schnell die Karte hervorgeholt und nachgeschaut, muß ich feststellen, daß es wahrscheinlich ein ganz flaches Rennen sein wird. Der einzige Trost: die relativ lange Distanz.

Am Start stehen dann auch hauptsächlich Ungarn, dazu aber auch Slowenen und Kroaten, ein Deutscher (wird wohl hier irgendwo Urlaub machen) und ein Österreicher (nämlich ich). Ein gemächlicher Beginn soll wohl in trügerischer Hoffnung wiegen, daß das alles ein Spaziergang wird. Ich weiß es besser, und als nach knapp 5 km die erste Attacke folgt, bin ich sofort hellhörig und setze nach. Und richtig, die Spitze läßt nicht locker, ich natürlich auch nicht, ich brauche ganze 4 km, um mich so nach und nach an die Gruppe heranzukämpfen. Nach mir schaffen noch ein paar Fahrer – alle einzeln – den Anschluß, und dann sind wir 14 Fahrer, die mit hohem Tempo, sich gleichmäßig abwechselnd, nach Süden fahren, der slowenischen und kroatischen Grenze entlang.

Von hinten kommt niemand mehr, unser Vorsprung ist so groß, daß wir hinter uns niemand mehr sehen. Nur nicht übermütig werden, noch ist nichts gewonnen! Entscheidend dürfte jetzt wohl sein,  sich so gut wie möglich zu schonen. Ich versuche halt, mit allen möglichen Tricks mich um eine Führungsarbeit zu drücken, was mir sehr oft gelingt. Ich glaube, von allen 14 Fahrern habe ich am wenigsten geführt. Und immer wieder habe ich meine Führung ausgelassen.

Nach 40 km erreichen wir die kroatische Grenze, danach wird weiterhin zaghaft angegriffen, aber immer wieder neutralisiert. Nach einer Weile fällt mir auf, daß wir weniger geworden sind. Ich zähle durch und komme auf 12 Mann, also sind zwei Fahrer irgendwann zurückgefallen. Oder habe ich mich vorher verzählt? Auf kroatischem Boden fahren wir bald auf schmalen Nebenstraßen, und mit einem Mal gibt es eine wuchtige Attacke, die ich völlig verschlafen habe, ein Mann setzt sich ab, es gibt dahinter drei Verfolger und dann neun Mann inklusive mir. Der Abstand zwischen den einzelnen Gruppen beträgt etwa 100 Meter. Keine Ahnung, weshalb wir 9 den einzelnen vorne nicht einholen, wir fahren 42 bis 44 km/h, und das bei starkem Seitenwind. Wer ist der Typ da vorne?

in paar Kilometer geht es so dahin, dann holen die Verfolger den Solofahrer ein, uncd sofort kommen wir auch wieder an die Vierergruppe näher ran. Komisch, aber weil sie jetzt zu viert sind, holen wir sie ein. Was soll ich davon halten? Wenig später, kurz vor der slowenischen Grenze, ist wieder die Gruppe geschlossen. Wozu das alles also?

Ich sehe mir den Typ näher an, und ein paarmal reagiert er auch, als angegriffen wird, er ist derjenige, der sofort das Loch zufährt. Und dann wieder völlig unmotiviert selbst attackiert. Dann hat er sogar mal einen nahezu perfekten Moment erwischt, fährt weg, nimmt dann aber die Beine hoch. Ich weiß nicht, was ich von ihm halten soll. Ist das alles nur Geplänkel oder ist er der typische Randalierer, der nur für Unruhe und Chaos sorgt, aber nichts zeigt, wenn es darauf ankommt?

Die slowenische Grenze ist erreicht, wir sind nach wie vor 12 Mann, und unmittelbar danach greift mein Randalierer abermals an, reißt wuchtig ein großes Loch, bleibt dann aber stecken. Aber er beschäftigt den Haufen wenigstens und macht ihn mürbe. Danke, daß er mir so viel Arbeit abnimmt. Und konsequent geht es in dieser Tonart weiter. Immer wieder tritt er an, nimmt dann aber die Beine hoch. Komischer Typ.

Kurz vor Lendava treten drei Mann an, und er springt sofort dazu. (Ich habe diese Aktion völlig verschlafen, alle anderen auch. Die vier setzen sich etwas ab, es kommt eine Verfolgung zustande. Es dauert eine Zeit, ab er dann fahren wir einen technisch sauberen Kreisel, das Tempo steigt bis 45km/h, langsam kommen wir wieder näher. Als dann plötzlich vorne einer zurückfällt, den wir wenig später aufsammeln. Wer es ist? Richtig, der Randalierer. Damit ist für mich der Fall klar. Keine 15 km mehr bis ins Ziel, in einer solchen Situation nimmt man doch nicht die Beine hoch, wenn man schon einen Vorsprung hat. Für mich ist er damit ein Blender.

Kurz vor der ungarischen Grenze sind auch die restlichen drei Mann wieder gestellt. In all dieser Zeit habe ich mich völlig unauffällig verhalten, habe nie aktiv vorne an der Spitze mitgemischt. Dann muß ich mir jetzt endlich Gedanken machen, wie ich das Finale fahre. Entweder in der Gtruppe bleiben und den Sprint fahren, vielleicht komme ich da unter die ersten zehn, oder aber schnellstens aktiv werden.

Es ist nicht mehr weit bis ins Ziel. Langsam fahre ich auf die linke Straßenseite rüber, werde dann minimal schneller als die Gruppe, bin dann vorne, das Loch wird größer, Oberlnker, ich blicke nicht zurück, sehe oder drehe mich nicht um, das würde alles ja nach Absicht aussehen. Ich muß ganz sanft und vorsichtig sein, denn ich habe nur diesen einen Versuch. Noch 6 km.

Eine endlos lange Gerade, bis ins Ziel gibt es jetzt keine Kurve mehr. Ich sehe es am Schatten und ich spüre es förmlich, daß ich alleine bin. Nur nicht nachlassen. Es ist schwer genug, in dieser Haltung schnell zu fahren, ich fahre so an die 40 km/h. Es ist wie ein Tanz auf einer Rasierklinge. Bin ich zu langsam, holen sie mich wieder, bin ich zu schnell, starten sie sofort die Verfolgung und holen mich.

So oder so, die Chancen stehen nicht sehr gut. Deshalb ist jeder Meter wichtig, den ich alleine unterwegs bin. Nur nicht zurückschauen. Noch 4 km. Meine Chancen steigen, denn sie haben mich noch immer nicht geholt. Langsam drücke ich jetzt aufs Tempo. 39 km/h, dann 40. Die Meter scheinen endlos zu sein, die Sekunden verrinnen quälend langsam. Noch 3 km. Lenti liegt vor mir, die ersten Häuser sind erreicht.

Verstohlen blicke ich mich um, sie fahren etwa 100 Meter hinter mir, wütende Aufforderungen, wahrscheinlich schiebt jeder die Last des Nachfahrens auf den anderen. Das ist jetzt der Moment, der auch für mich spricht. Die Zielnähe. Da zögern sie alle, ihre Energien jetzt schon in die Waagschale zu werfen. Jeder Meter näher zum Ziel ist jetzt Goldes wert. Noch 1,5 km. Viel kann ich nicht mehr zusetzen, ich fahre jetzt schon 43 km/h, bin aber immer noch minimal schneller als die Verfolger.

Es strapaziert die Nerven sehr, ich überlege ja auch andauernd, soll ich schneller fahrern, kann ich überhaupt schneller fahren? Noch 1 km, jetzt ist es egal, jetzt heißt es voll reinhalten, aber ich weiß auch, in dem Moment, in dem ich aufstehe, bricht hinten der Sturm los. Der bricht aber jetzt sowieso los – ich stehe auf und sprinte los, noch 900 Meter.

Jetzt brauche ich mich auch nicht umzusehen, jetzt geht es nur mehr Richtung Zielstrich, und der liegt vor mir, nicht hinter mir. Die Augen saugen sich förmlich an dieser imaginären Linie fest, die lange, lange Zielgerade wird von Zuschauern gesäumt. Diese letzten Meter sind die härtesten des ganzen Rennens, obwohl es topfeben und schnurgeradeaus geht. Die Beine brennen, die Arme, der Nacken, die Luft wird knapp, ich mache mich klein, spurte wie verrückt dem Zieltransparent entgegen, ich spüre den Atem der Verfolger, es wird knapp, das weiß ich, aber noch ist keiner an mir vorbei.

Noch 200 Meter. Ein letztes Mal stehe ich auf, kann aber nicht mehr beschleunigen. Selten bin ich so ausgepreßt und ausgelutscht gewesen wie jetzt. Ich fühle mich wie eine uralte, leere Hülle, ohne jede Substanz. Wahrscheinlich sehe ich auch in diesem Augenblick dementsprechend aus. Seltsam, was da für Gedanken durch das Hirn wandern. Dann zieht auch schon das Zieltransparent über mir hinweg. Ich lasse es ausrollen. Zentimeter hinter der Linie schießen sie rechts und links an mir vorbei, wie wütende Hummeln, ich spüre die Aggression förmlich physisch. Ist natürlich auch der Frust, daß sie sich derart überrumpeln haben lassen.

Selten habe ich mich über einen Sieg so gefreut wie diesmal. Die letzten Kilometer waren die Hölle, und das macht diesen Sieg so wertvoll. Meine Siegerzeit von 2:12 Stunden bedeutet einen Schnitt von 40,6 km/h.

Sonntag, 19. Oktober 2008: Bergzeitfahren Montecchio Maggiore – San Urbano um die Coppa Santa Eurosia und die Trofeo Calpeda Pompe, zugleich Regionalbergmeisterschaft der Provinz Verona (I), 4,6 km

Ein uraltes Rennen, das heuer schon zum 52. Mal veranstaltet wird, und ich bin hier auch schon einige Male mitgefahren. Die Strecke liegt mir, ich habe mich hier immer sehr gut geschlagen. Mit 210 Höhenmetern ist es auch kein richtiger Berg, es geht auch viel bergab, es ist vielmehr ein technisch sehr schwieriger Abschnitt, weil man sehr oft schalten muß. Wegen dem schnellen gestrigen Rennen muß ich mich heute ausgiebig aufwärmen, und das tue ich auch, indem ich eineinhalb Stunden lang die Muskeln auf Betriebstemperatur bringe. Ich starte schon sehr bald, mit der Nummer 12, und optimal aufgewärmt stehe ich am Start. In Minutenabständen wird gestartet, ich kenne die Strecke auch sehr gut, ich bin beim Aufwärmen einmal raufgefahren, davor auch einmal mit dem Auto.

Flacher Beginn, dann kommt gleich das selektivste Stück, knapp 2 km lang geht es mit gut 10 % bergan, ich fahre da mit 39/20 und verfluche mich insgeheim, weil es mir zu hart ist, aber ich wuchte mich drüber und im Endeffekt bin ich gar nicht mal so langsam. Oben bei der Kirche SS Trinita ist eine Kuppe, dann geht es wieder ca. 15 Höhenmeter runter, eine flache Mulde, ehe der nächste, zweite Anstieg wartet, durchgehend steil, aber nicht sehr lange, genau 600 Meter, und dort hole ich unmittelbar vor der Kuppe einen Fahrer ein , schieße förmlich an ihm vorbei und bin schon wenige Meter später wieder alleine.

Jewtzt kommt eine längere Abfahrt, dann eine kleine, kurze Kuppe, wir sind hier schon am Oretsanfang von San Urbano, durch die Ortschaft geht es runter, von dieser Hauptstraße dann rechts weg und steil runter auf enger, schmaler Straße, einen engen Bogen nach links unten in der Mulde und wieder rauf auf die Hauptstraße, die Straße steigt jetzt wieder, und hier  wieder zurück Richtung Ortstafel noch etwa 150 Meter bis zum Zielstrich. In 10:20 Minuten bewältige ich die Distanz, und das ist schon sehr gut, denn ich bin hier schon einige Male eine 11er-Zeit gefahren.

Ich habe leider das Pech, daß ausgerechnet in meiner Altersklasse der regierende Italien-Meister am Berg am Start ist, Silvano Titotto. Gegen den ist kein Kraut gewachsen, der ist überdies in großartiger Formn, wie er mit seinem gestrigen 5. Platz eindrucksvoll bewiesen hat. Und heute gewinnt er in 9:43 Minuten vor Enzo Bergamasco (Bike Benato FRW Term Primolan) in 10:19. Und der ist mein Sargnagel, ist er doch um ganze 0,4 Sekunden schneller als ich! Eine einzige Kurve absolut schneiden, und ich wäre an der zweiten Stelle gelandet! Ich könnte mir hinten reinbeißen , der Frust ist riesig. Gut, ich kenne den  Typ nicht, aber wie ein paar Resultate aus dem heurigen Jahr beweisen, ist er einer der Topfahrer. Aus dieser Region hier im Veneto, natürlich kenne ich ihn da nicht besonders. Sicher, ein dritter Platz ist ganz gut, aber so knapp den zweiten Rang verpassen, ist schlimm, vor allem für die Psyche. Daß mir Titotto hier 37 Sekunden abnimmt, damit habe ich gerechnet.

Samstag, 18. Oktober 2008: Rundstreckenrennen um die Trofeo Memorial Enrico Rossi in Busco di Ponte di Piave, 55,6 km

Wieder ist es sehr warm, 23° am Nachmittag, Hochnebel, starker S-Wind, als ich zusammen mit einer sehr großen Meute von über 100 Fahrern den 5,5 km langen Rundkurs in Angriff nehme. Und diesmal bläst mir von Anfang an ein sehr rauer Wind mitten ins Gesicht. Die Konkurrenz hat sich formiert, die Schmach der Vorwoche ist nicht vergessen. Heute soll der Tag der Abrechnung sein, mit dem Startschuß laufen auch schon die ersten Attacken. Die erste Runde wird unglaublich schnell gefahren, sie besteht im Prinzip aus zwei langen Geraden.

Ich kann mich im Feld halten, aber das ist langgezogen, und ich stecke irgendwo weit hinten. Zweite Runde gibt es bereits die ersten Ausreißer, Tarlao und Maracani mischen vorne mit, dazu noch Grisenti. Krampfhaft versuche ich, mich nach vorne zu arbeiten, aber das gelingt nur mühsam und langsam. Kaum vorne, kann ich bereits Löcher zufahren. Wenn ich es nicht tue, sind die Ausreißer weg. Da wird mit aller Konsequenz gefahren, und ich erkenne auch, daß ich das eigentliche Ziel all dieser Angriffe bin. Sie wollen mich weichklopfen.

Sie wollen, daß ich so oft nachfahre, bis ich kaputt bin. Zwei, drei Runden lang spiele ich mit, bis ich erkenne, daß ich das niemals überleben kann. Also tue ich ihnen den Gefallen und stelle mich tot. Lasse mich zurückfallen, so an die 30. bis 40. Position, und überlasse das ganze Geschehen den anderen. Ich kann wirklich nicht jedem nachsetzen. Zwei, drei Runden lang geht das auch gut, aber dann passiert es halt doch. Ich lasse mich in die Falle locken, fahre ein Loch zu, in dieser Phase ist das Tempo schon sehr hoch, jenseits der 50, und es kostet unheimlich viel Substanz. Dann bin ich endlich dran, Tarlao und Grisenti sind ebenfalls vorne, lassen sich keinen Moment aus den Augen.

Mit einem Mal zerplatzt die ganze Gruppe, es ist die neunte und vorletzte Runde, vorne ist die Spitze sofort weg, mit Tarlao, Maracani und Grisenti, dahinter ein paar kleinere Gruppen, ich rolle alleine dahinter, das Loch geht irrsinnig schnell auf. Diesmal kann ich eine Plazierung abschreiben, da ist nichts mehr drin. Doch der starke Wind fordert seinen Tribut, vorne müssen sie auch wieder Tempo rausnehmen. Daß ich so schnell abgerissen bin, verunsichert sie. Jetzt sind sie zwar vorne, wissen aber nicht, was sie tun sollen. Es geht in die Schlußrunde, in die letzten 5 km.

Alleine habe ich bereits jede Hoffnung aufgegeben, als plötzlich von hinten eine Gruppe kommt, die phantastisch läuft. Ich steige mit ein und bin urplötzlich mitten in der schärfsten Verfolgung meines Lebens. Alle ziehen sie an einem Strang, es sind keine zehn Fahrer, aber der Zug ist unglaublich. Wir fliegen förmlich um den Rundkurs, und 2 km vor dem Ziel haben wir die Gruppe wieder vor Augen. Etwa 900 Meter vor dem Zielstreifen schließen wir auf, und da erst sehe ich, daß das die Spitzengruppe ist, daß alle Gruppen und Einzelfahrer vorne wieder zusammengelaufen sind. Sofort riskiere ich alles, mit 53/14 und aller Kraft sprinte ich zu der Gruppe hin, als hinter mir ein Krachen und Scheppern zu hören ist. Aus den Augenwinkeln sehe ich ein paar Fahrer wild in einem Knäuel über die Straße schlittern.

Keine Zeit, mich darum zu kümmern, hinter mir ein Loch jetzt, der Sturz hat den hinteren Teil der Gruppe abgekuppelt. Soll mir recht sein, vorne wild jetzt wild gesprintet, auf breiter Front jagt die Meute dem Zielstrich entgegen. Es ist ein hektischer, chaotischer Sprint, ein unübersichtlicher und damit auch ein ziemlich unkonventioneller. Der Ausgang ist auch etwas überraschend.

Gut, der Sprintsieg des starken Sprinters Alberto Busato (GS De Luca Portogruaro) vielleicht weniger, der zweite von Vittorio Parpaiola (GS Cicli Morbiato) und der dritte von Francesco Barbirato (Gran Fondo Pinarello) auch nicht wirklich, aber der fünfte von Bergspezialist Silvano Titotto (GS Frenocar Cicli Bilato) schon, der siebente Platz von Alfio Maracani auf alle Fälle, der achte von Dario Grisenti oder gar der 12.  von Riccardo Tarlao sind die Sensation des Tages schlechthin. Ich bin an der 19. Stelle plaziert, nicht schlecht, aber etwas mehr hätte ich mir schon erwartet.

Gut, ich bin nicht der Paradesprinter, und wenn ich so massiv angegriffen werde wie diesmal, auf so breiter Front vom beinahe gesamten Starterfeld, was soll ich mir dann noch erwarten als Ergebnis? Andererseits: ich war schon klar geschlagen, abgehängt und distanziert, und bin wieder herangekommen. Im Ziel war ich wieder dabei, und das ist – vielleicht die größte Sensation des Tages??

Das Rennen, das gerade mal 1:16 Stunden gedauert hat, wurde mit einem Schnitt von 43,21 km/h gefahren – ein so schnelles habe ich jedenfalls daheim in Österreich heuer keines erlebt.