Österreichische Einzel- und Paar-Zeitfahrmeisterschaften in Oberwart

Samstag/Sonntag, 19./20. Juni 2010: Österreichische Einzel- und Paar-Zeitfahrmeisterschaften in Oberwart
 
Der RSC ARBÖ Südburgenland veranstaltete an diesem Wochenende die beiden Zeitfahrmeisterschaften, und zwar im Einzel- und im Paarzeitfahren. Hier geht es nicht um einen Rennbericht, den könnt ihr an anderer Stelle nachlesen. Hier soll es eine Nachbetrachtung zur Streckenwahl geben. Für beide Rennen wurde dieselbe Strecke gewählt, mit Start und Ziel in Oberwart ging es jeweils über 22,3 km. Für ein Paarzeitfahren ist diese Distanz vielleicht um einen Hauch zu kurz, aber gut, man gibt sich ja schnell zufrieden und ist froh, daß überhaupt ein solches Rennen stattfindet bzw. als Österreichische Meisterschaft ausgeschrieben ist. Wobei man natürlich über den Sinn einer solchen Meisterschaft streiten kann, wenn es das EINZIGE Rennen im ganzen Jahr ist. Sicher, es gibt noch andere, wie z.B. in Deutschlandsberg, aber das ist erstens noch viel kürzer (14,5 km) und zweitens ein Jedermann-Rennen. Dann ist da noch das Paarzeitfahren in Mariazell, das endet mit einem 1-km-Zielanstieg (auch nicht jedermanns Sache), ist auch ein Jedermann-Rennen. Und dann gibt´s da noch das Sporthaus-OKAY-Paarzeitfahren Telfs-Zirl-Telfs über 22 km, das aber auch nicht über den Österr. Verband ausgeschrieben ist bzw. von dem auch nur sehr, sehr schwer eine Ausschreibung zu ergattern ist. Unterm Strich bleibt damit ein einziges Rennen, und das ist die Österreichische Meisterschaft.
 
Jetzt aber zur Streckenwahl. Ist es schon problematisch, nur einen einzigen Straßenzug zur Verfügung zu haben, d.h. das Rennen muß mit einer Wende abgewickelt werden, man fährt sozusagen dieselbe Straße wieder zurück, so kann man das Problem natürlich noch vergrößern, wenn man ein entsprechendes Streckenprofil wählt. Da in der neuen Version von 2009 nichts mehr über das Profil steht, sehen sich immer mehr Veranstalter angehalten, das Profil schwerer und schwerer zu machen. Es gibt ja kaum mehr ein völlig flaches Zeitfahren, was aber die Grundidee dieser Disziplin ist. Denn für jedes andere Terrain gibt es ja das Bergzeitfahren. Und es ist schlichtweg eine UNSITTE, aus einem Einzelzeitfahren ein Bergzeitfahren zu machen.
 
Ein interessantes Detail am Rande: im ÖRV-Regelwerk wird unter der Disziplin „Zeitfahren-Straße“ auf das UCI-Regelwerk als allgemeingültiges verwiesen, und auch dort wird nur der Ablauf geregelt, nicht aber die Strecke. Der einzige Punkt, der in beiden Regelwerken aufscheint und den – leider einzigen – Hinweis auf die Streckenführung gibt: der Veranstalter hat dafür Sorge zu tragen, daß die Strecke so gewählt ist, daß die Sicherheit der Teilnehmer gewährleistet ist. Das ist natürlich nichts anderes als einer dieser vielgeliebten und geschätzten „Gummi-Paragraphen“, heißt es doch an anderer Stelle: Der Veranstalter lehnt jede Haftung ab und hält sich in jedem Fall schadlos! Der Fahrer selbst hat sich darum zu kümmern, daß er die Strecke kennt und auch in entsprechender Weise bewältigt. So weit, so gut.
 
Bleiben wir doch noch einen Moment bei dem Gedanken der „Sicherheit der Fahrer“. Wie heutzutage allgemein üblich, werden Einzelzeitfahren (außer in den Nachwuchsklassen) mit einer Zeitfahrmaschine bestritten. Diese haben nun einmal die Eigenheit, daß sie den Fahrer in eine aerodynamische Position förmlich zwingen. Damit soll der Luftwiderstand verringert und die Bestrebungen des Fahrers unterstützt werden, seinen Wanst möglichst atemschonend irgendwo „unterzubringen“. Aber es gibt auch negative, ja durchaus gefährliche, Auswüchse dieser Bestrebungen.
Die Zeitfahrmaschine ist dafür gebaut, aerodynamisch möglichst schnell geradeaus zu fahren. In der aerodynamischen Haltung hat der Fahrer weniger Möglichkeiten als normalerweise, bremsbereit zu fahren, er tut sich auch sehr viel schwerer beim Kurvenfahren. Der Lenker ist ja nicht in gleicher Weise zu gebrauchen wie etwa bei einem Straßenrennrad. Daraus ergeben sich automatisch gewisse Gefahrenmomente in engen Kurven, in Auf- und Abfahrten, an gefährlichen Passagen und Stellen. Jeder normal denkende Mensch würde den Paragraphen  mit der „Sicherheit der Fahrer“ derart deuten, daß der Veranstalter dafür Sorge zu tragen hat, daß diese Gefahrenmomente nach Möglichkeit VERMIEDEN werden, d.h. keine steilen Auf- und Abfahrten, möglichst wenige Kurven, keine Ecken und Serpentinen, möglichst wenige Kreisverkehre, eine genügend breite Fahrbahn sowie eine möglichst intakte Fahrbahnoberfläche. Wobei natürlich auch zu berücksichtigen ist, daß im Straßenradsport, der ja eine Freiluftsportart ist, manchmal auch widrige Wetterverhältnisse herrschen können, z.B. eine regennasse Straße. Das Argument „Es war ja eh trocken“ ist da nicht zulässig, denn es hätte ja auch regnen können – und wie sieht´s dann mit Abfahrten, Ecken und Kurven und eventuell rutschigem Asphalt aus??? Jedes Kind weiß doch, daß eine Zeitfahrmaschine viel schwerer abzubremsen ist als eine Straßenmaschine. Noch dazu, wo viele Fahrer Vollscheibenräder verwenden.
 
Der Veranstalter in Oberwart läßt das genaue GEGENTEIL vermuten. Da gab es zwei Anstiege, die waren steil, viel zu steil für eine Zeitfahrmaschine, sie waren kurvig und eckig, und es hat geregnet (naße Fahrbahn!). Dazu kam eine sehr schmale Straße mit sehr schlechtem Fahrbahnbelag (Schlaglöcher, Rillen, scharfe Kanten etc.) und zu allem Überdruß die Tatsache, daß die Rückfahrt auf derselben Straße erfolgen mußte! Auf jedem Meter der Abfahrten mußte man also mit „Gegenverkehr“ rechnen – das könnte man vielleicht auf breiter Straße noch irgendwie tolerieren, auf so schmaler Fahrbahn aber kam es laufend zu prekären Situationen. Man stelle sich nur vor,  bei einer Abzweigung mit hohem Tempo kommt einem gerade ein Fahrer entgegen, der natürlich auch nicht gerade langsam unterwegs ist. Und was ist, wenn ich gerade einen eingeholten Fahrer überhole bzw. selbst überholt werde? Und was ist, wenn genau diese Situation beim Paarzeitfahren eintritt, wo doppelt so viele Fahrer beteiligt sind??? Da wird´s dann eng auf dieser „Forstautobahn“!
 
Jedenfalls dürfte der Veranstalter eine gewisse dumpfe Ahnung in seinen Gehirnwindungen gehabt haben, denn an diesen Stellen hat er die Fahrbahn mit Verkehrshüten abgetrennt, sodaß jede Fahrtrichtung die halbe Fahrbahn reserviert bekam. Keine schlechte Idee, vorausgesetzt, die Straße ist grundsätzlich breit genug dafür, so aber hat man die Fahrbahn NOCH SCHMÄLER gemacht dadurch, noch gefährlicher, an einen eventuellen Sturzraum ist überhaupt nicht gedacht worden.
 
Einer aus dem Organisationskomitee antwortete, auf diese Problematik von einem Teilnehmer angesprochen, barsch: „Dann müßt´s halt mehr aufpassen und bremsen!!“ Dazu möchte ich nur anmerken: STEHVERSUCHE SIND KEINE MEISTERSCHAFTSDISZIPLIN! Für diese Art der Radsportbewerbe sind ja schon BMX, Querfeldein und Trial vorgesehen, es besteht daher keine Veranlassung, aus Straßenrennbewerben Trials bzw. Querfeldeinrennen zu machen! Und der Veranstalter sollte auch zukunftsorientiert denken, denn bei jedem weiteren ausgeschriebenen Zeitfahren in den folgenden Jahren wird jeder Fahrer sofort mit schreckensbleichem Gesicht an das Jahr 2010 denken und einen Start nochmals überdenken.
 
Nichts gegen einen Anstieg, aber da sollte bei einer Steigung von 4 bis 6 % das Ende des Zumutbaren erreicht sein bzw. müßte der Veranstalter halt überlegen, wenn er keine entsprechende Strtecke zur Verfügung hat, entweder KEIN Rennen zu veranstalten oder eine andere Disziplin auszuschreiben!!! Daß an besagter Stelle beim Oberwarter Rennen an beiden Tagen eine schwarze Katze mehrmals die Rennstrecke im Bereich des ersten Anstieges querte, kann man sicherlich als entsprechendes Omen werten!
 
 

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