Samstag, 28. März 2009: Giro di Gorenjska, 3.Etappe: Bled – Kranj (SLO), 55 km

Die Nachmittagsetappe hat keinerlei topographische Schwierigkeiten, ist topfeben, nur 55 km lang, aber das täuscht: die Geschlagenen vom Vormittag sinnen auf Revanche, beinahe die gesamte Etappe über herrscht sehr starker Rückensturm, im´Flachen wird nicht selten an die 60 km/h gefahren. Ich kurble die ganze Zeit nur mit 53/13 und 14. Und bei Rückenwind, noch dazu bei einem so starken, ist es immer gefährlich.

Blick über den See auf Bled

Und da es wieder – wie am Vormittag – kreuz und quer durch das Tal der Sava hin und her geht, mit vielen Kurven und Richtungsänderungen, ändert sich auch die Windrichtung andauernd. Der Wind bläst mal von hinten, dann von schräg rechts oder auch links. Und die 69 schweren Kilometer vom Vormittag sind auch nicht zu unterschätzen, die stecken jedem noch in den Beinen.

Ich mache mir da also keine Illusionen, was auf den ersten Blick so leicht aussieht, ist sicher sauschwer. Das einzige, das mir entgegenkommt, ist die allgemeine Müdigkeit, die sich über das Feld gelegt hat. Es wird bei weitem nicht mehr so ambitioniert gefahren wie am Vormittag. Aber auch das täuscht, denn kaum ist eine Ausreißergruppe vorne weg, wird aufs Tempo gedrückt.

Ich habe die ganze Zeit über nur Augen für den Gesamtführenden, für Bojan Ropret im Gelben Trikot. Zu spät überreiße ich, daß er an diesem Tag leider nicht das Maß aller Dinge ist. Von seiner Glanzleistung am Vormittag habe ich mich blenden lassen. Es beginnt, daß er die Attacke einer größeren Gruppe übersieht und dann nachfahren muß. Es sind etwa 20 bis 25 Mann, die sich vorne abgesetzt haben, dann organisiert er die Verfolgung, hat noch drei Helfer zur Hand, die aber dummerweise viel zu schwach sind.

Wenn die führen, halten wir den Abstand bestenfalls, wenn Ropret führt, holen wir auf. Ich lasse die Typen mal machen, irgendwann werden sie wohl merken, daß sie mehr tun müssen. Es hapert aber leider nicht am Wollen, sondern am Können. Die Verfolgung entwickelt sich zur großen Überschrift dieser Etappe. Wir sind etwa 30 Mann – also viel zu viele für eine effektive Verfolgung – kommen aber nicht und nicht auf eine vernünftige Distanz heran. Der Abstand pendelt zwischen 30 und 45 Sekunden, bei dem Wahnsinnstempo von über 50 km/h traue ich mir einen Soloritt wirklich nicht zu.

Also warte ich ab. Was habe ich schon zu verlieren? Es gibt Situationen, da muß man sich eben in Geduld üben. 30 km lang dauert die Verfolgungsjagd, dann sind wir endlich dran. Jetzt ist eine große Gruppe von knapp 60 Mann vorne. Der Gelbe ist auch dabei, an dem orientiere ich mich nach wie vor. Doch urplötzlich, ca. 5 km später, sehe ich ihn nicht mehr. Ich suche die gesamte Gruppe nach ihm ab, entdecke ihn aber nicht. Kein Zweifel, er ist nicht mehr dabei, ist zurückgefallen.

Aber warum? Defekt, Schwäche? Ich überlege nicht lange, fahre nach vorne und mische mich in die Führungsarbeit mit ein. Meine ganze Kraft und Energie lege ich in meine Führungen, das Tempo liegt nach wie vor bei über 50 km/h. Wann hat man schon die einmalige Chance, den Gesamtführenden und Sieger der letzten beiden Jahre entscheidend abzuhängen? Ich kann mich in der Gruppe halten, wir distanzieren bis ins Ziel die kleine Gruppe um Ropret um mehr als 2 Minuten, er fällt damit ganz entscheidend zurück.

Von den 19 zeitgleich Führenden waren diesmal 12 in der Spitze mit dabei, ich verbessere mich damit auf den 12. Gesamtrang. Bostan Slak heißt der neue Gesamtführende. Die durchaus erfolgversprechende Situation vor dem morgigen Schlußtag über 125 km rund um Kranj: ich habe noch keine einzige Sekunde eingebüßt, und wenn ich mich so halbwegs in der Nacht erhole, ist morgen noch alles drinnen.

Robert

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