Sonntag, 8. März 2009: Großer Straßenpreis von Murska Sobota (Slowenien), 65 km

Saisonauftakt in Murska Sobota in Slowenien gleich hinter der österreichischen Grenze, eineinhalb Autostunden von Graz. In der Masterklasse (40 Jahre aufwärts) stehen 87 Fahrer am Start, für die Slowenen ist es bereits das zweite Rennwochenende der Saison. Bei idealem Wetter (heiter, 12°), aber sehr starkem NO-Sturm werden die ersten Kilometer abgespult, und der Wind ist auch der gefürchtete Scharfrichter dieses Rennens.

Vom Start weg halte ich mich ganz vorne auf, und zu Recht, denn der Wind zieht das Feld in die Länge und schon nach wenigen Kilometern reißt die lange Reihe an einigen Stellen. So wird die Spitzengruppe immer kleiner und bei der Wende in Lendava sind wir noch etwa 50 Mann, die im Rückenwind einen Schnitt von gut 48 km/h gefahren sind.

Panoramablick auf Murska Sobota

Die zweite Rennhälfte ist wegen des nunmehr von vorne kommenden Windes eindeutig schwieriger. Und sofort geht es hier um Leben und Tod, denn wenn man jetzt zurückfällt, kommt man sicher nie mehr ganz nach vorne. Als wir kurz hinter Lendava nach links auf eine Nebenstraße abbiegen, sind wir nur mehr 24 Mann.

Vorentscheidende Situation bei Renn-km 42: plötzlich sind 12 Mann vorne, und da auch Fahrer vom NK Maribor und vom KK Adria Mobili, dem stärksten slowenischen Klub, dabei sind, ist hinten im Feld niemand mehr, der für die Nachführarbeit sorgt. Diesen Vorstoß habe ich leider übersehen, erkenne aber sofort, daß ich da unbedingt dabei sein muß, um meine Chancen zu wahren. Im starken Gegenwind ist es sehr schwer, da alleine nach zu fahren, und trotz aller Bemühungen komme ich nur auf 38 km/h. So brauche ich 4 km (!), um dieses Loch von knapp 150 Metern zu zu fahren. Aber dann bin ich dran, und 19 km vor dem Ziel sind wir 13 Mann an der Spitze.

Ich reihe mich brav hinten ein und verhalte mich ruhig, muß auch verschnaufen und harre der Dinge, die da kommen. Von hinten hat man auch sehr viel mehr Überblick. Zweite vorentscheidende Situation bei km 56: nachdem wir mit schnellen Wechseln einen beruhigenden Vorsprung herausgefahren haben, beginnen die Einzelaktionen, und da ist es für mich sehr schwer, eine Orientierung zu finden, denn ich kenne die Säcke ja allesamt kaum.

Und wichtig und stark tun sie alle, das ist ein Imponiergehabe wie bei den Tieren. Ein Marburger greift an, ein Adria-Mobili-Fahrer hinterher, ein zweiter schließt postwendend auf. Zwei Adria-Fahrer vorne, zwei weitere setzen sich bei den Verfolgern an die Spitze. Ehe die sich halbwegs organisiert haben, bin ich zum zweiten Mal alleine unterwegs. Das riecht jetzt förmlich nach Entscheidung, ich bin diesmal auch sehr schnell an den dreien dran. Vier-Mann-Spitze 8 km vor dem Ziel.

Noch wechseln sie sich schön ab, ich halte mich da raus, hechle fürchterlich und pfeife aus dem letzten Loch, schneide erbarmungswürdige Grimassen,verdrehe die Augen, daß ich beinahe die Augäpfel verliere, spucke, röchle, und tatsächlich, nach einem ersten mitleidigen Blick beachten sie mich nicht weiter. Man glaubt ja nicht, wie anstrengend es ist, einen solch kaputten Eindruck zu erwecken, und beinahe glaube ich selber schon, daß ich mich übernommen habe. Zu dritt arbeiten sie, während ich sie mir genau betrachte. Viel Zeit habe ich nicht mehr, das Ziel kommt rasend schnell näher.

Ich gehe mal davon aus, daß einer der beiden Adria-Fahrer für seinen Teamkollegen den Sprint anziehen wird, und das dürfte logischerweise auch der sein, der jetzt noch arbeitet. Die Chancen des Marburgers sind demnach nicht sehr groß, der muß unbedingt versuchen, die beiden abzuschütteln. Er wird es – hoffentlich – dann versuchen, wenn der Adria-Fahrer aus der Führung geht, und das ist der Moment, in dem auch ich die Karten auf den Tisch legen muß. Bei meinen Sprintfähigkeiten bleibt mir in dieser Gruppe nur der 4. Rang, vielleicht mit viel Glück der dritte. Will ich mehr, muß ich aktiv werden.

Es wird ein nervenzerfetzendes Finale, keiner will den Tanz eröffnen. Ist ja auch logisch bei dem starken Wind. Wer wird als erster die Nerven wegschmeißen? Noch 3 km, ich habe mir die letzten 10 km beim Aufwärmen ganz genau angesehen, kenne jeden Kreisverkehr und jede Kurve. Die beiden Adria-Fahrer wirken nicht nervös, man merkt ihnen die Routine an, das macht sie gefährlich. Der Marburger blickt sich plötzlich um und sieht mir genau in die Augen, ich spucke aus und wende den Blick ab. Nein, nein, ich bin beileibe keine Gefahr für ihn. Ich scheine ihn überzeugt zu haben, es sind nur mehr 2 km. Ich habe nichts zu verlieren, ich kann warten. Je länger, desto besser für mich, denn desto kürzer ist der Weg zum Ziel. Ich fahre mit 53/16, die anderen mit 15. Ich schalte nicht, das verräterische Geräusch könnte sie auf dumme Gedanken bringen.

Als der Adria-Mann wegschwenkt, mit seinem Teamkollegen am Hinterrad, tritt der Marburger an. Ha, für sowas habe ich eine Nase – beinahe gleichzeitig hebe ich auch meinen Hintern. Der Adria-Helfer ist jetzt der nächste, kann aber nicht reagieren, und sein Kapitän hat den weiteren Weg. Der Marburger entwickelt angesichts der Zielgeraden erstaunliche Kräfte, macht aber den Fehler, alles in die Waagschale zu werfen, was er hat. Und dafür ist der Weg ins Ziel dann doch zu lang. Zwangsläufig wird er langsamer, unmerklich nur, aber ich kann auch diesmal warten. Fraglich, ob er überhaupt gemerkt hat, daß er nicht alleine ist. Nach hinten verschwende ich keinen Blick. Als sein Tempo von 44 km/h auf 42 und dann auf 40 fällt, warte ich noch ein paar Sekunden, er werkt ziemlich unruhig am Rad, und das, was er an Spucke verliert, ist auch vielsagend.

Ich sprinte ganz auf die linke Seite raus, in den Wind hinein, und beschleunige. Ohne mich umzusehen, weiß ich, daß er weg ist, reißen lassen  mußte. Wenig später bin ich unter der 1000-m-Marke durch. Keine Ahnung, ob es sich ausgehen wird, knapp wird es auf alle Fälle. Ich tippe mal darauf, daß die beiden Adria-Fahrer den Marburger bald schnappen, ich mache mich ganz klein, halte das Tempo bei ca. 47 bis 48 km/h, habe jetzt auch den Schutz der ersten Häuser von Murska Sobota, die den Wind etwas abschwächen.

Dann langsam und kontrolliert Tempo rausnehmen, bis runter auf 42 km/h, eine Kurve, ein Kreisverkehr, noch eine Kurve, dann ist da die lange Zielgerade, ich drücke mich links an die Absperrgitter, noch 500 Meter, noch 200 Meter, dann stehe ich auf und sprinte ins Ziel. Eine goldrichtige Entscheidung, denn nur Augenblicke später schießen sie an mir vorbei, einer rechts, einer links, die zwei Adria-Mobili-Fahrer. Ich kann ihre wütenden Gesten verstehen, denn schließlich ist das erst hinter der Ziellinie passiert.

Ein Saisonauftakt, wie ich ihn besser nicht hätte hinkriegen können: erstes Rennen, erster Sieg.

Robert

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