6. Etappe: Maspalomas – Barranco di Guayadeque – Maspalomas, 82,3 km

Sonntag, 7. Dezember 2008

Hurra, es ist geschafft! Heute bei der sechsten und letzten Etappe gab  es noch dreimal Alarmstufe rot: Hinterraddefekt kurz nach dem Start, Massensturz bei der bereits freigegebenen Auffahrt auf den Guayadeque, den schwersten Anstieg der Rundfahrt, und dann im Finale bin ich aus dem Windschatten hinter dem Vorausfahrzeug gedrängt worden, mußte mich wieder zurückkämpfen, aber es ist sich ganz knapp ausgegangen – Sieg bei der 20. Auflage der Vuelta Gran Canaria di Maspalomas!!!

Die Taktik war klar: Sevilla Vecino und Mascaro Gomila, die beiden Spanier, die auf den Plätzen 2 und 3 der Gesamtwertung lagen, nicht aus den Augen lassen, beim 12 km langen Anstieg am Guayadeque mit 100 % mitfahren und, wenn irgend möglich, die beiden oben im Barranco abhängen, vor allem aber beim Zieleinlauf vor den beiden klassiert sein. Die Hauptfrage aber: wie habe ich das gestrige Bergrennen verdaut??? Eigentlich wäre es besser gewesen, zwei, drei Stunden irgendwo in Strandnähe herumzurollen, anstatt über 100 km abzuspulen, 30 davon steil bergauf. Durchdacht war es nicht, gescheit auch nicht. Und das alles für einen 6. Platz! Wenn ich gewonnen hätte, gut, es wäre ein Sieg gewesen, aber so…

Alarm gab es dann bereits nach 8 km, bei einem kleinen, aber steilen Anstieg an der Küstenstraße Richtung Las Palmas: ich bin hinten plattgefahren, habe im Anstieg gemerkt, daß die Luft langsam rausgeht, habe kühlen Kopf  bewahrt, bin mit dem letzten Rest von Luft im Reifen noch ganz nach vorne gefahren, an der rechten Seite abgestiegen, das Hinterrad rausgenommen, den Mantel runter (ich fahre mit Drahtreifen), den Schlauch raus, dann war das Feld erst vorbeigefahren. Ich habe den neuen Schlauch auch schon in der Hand, da bleibt der Mechanikerwagen stehen, schließlich fahre ich ja im Gelben Trikot mit dem riesengroßen blauen Logo der Vuelta Gran Canaria auf der Brust, da bleibt auch schon mal ein Materialwagen stehen, wenn es denn sein muß.

Es wart eine Eingebung heute früh gewesen, daß ich einen Reserveschlauch, die Reifenheber und eine kleine Preßluftflasche in der Trikottasche mitgenommen habe. Bisher hatte ich ja keinerlei Reservematerial mitgehabt, nur einen Satz Laufräder im eigenen Wagen im Startbereich, der mitfahrende Mechanikerwagen hat täglich ca. 15 bis 20 Sätze Laufräder mitgeführt und bei Bedarf die defektgeplagten Fahrer damit versorgt. Diesmal aber, weil ja der Anstieg für mich so wichtig ist, will ich es nicht darauf ankommen lassen, mit einem fremden Hinterrad diese Steigung fahren zu müssen, die immerhin bis zu 16 % steil ist.

Sofort springt ein Mechaniker mit einem Hinterrad in der Hand auf mich zu, drückt das Laufrad in den Rahmen, schiebt mir diesen unter den Hintern und mich an, und ich fahre schon wieder. Im letzten Moment drücke ich ihm noch den neuen Reserveschlauch in die Hand und sage ihm, er solle mir mein eigenes Hinterrad herrichten, ich würde sofort wieder zurück wechseln. Und ich tat recht daran, denn beim spanischen Hinterrad, das mit Zeus-Kränzen bestückt ist, springt die Kette. Und die Übersetzung ist auch nicht die ideale für mich. In diesem Fall ist es natürlich ein Geschenk des Himmels, daß das Feld nur mit 26 bis 28 km/h dahin rollt, ich bin in wenigen Minuten wieder ganz locker ran gefahren, und ungefähr 5 Minuten später bekomme ich das Signal vom Materialwagen, daß mein eigenes Laufrad wieder fahrbereit ist und wechsle wieder zurück.

Ich bin schnell wieder mit meinem eigenen Hinterrad im Feld, muß mich dann in der langen Reihe ganz nach vorne fahren, denn wir nähern uns langsam aber sicher Vecindario, wo wir links abbiegen ins Landesinnere und der Anstieg nicht mehr weit ist. Dann ist es soweit. Der Anstieg beginnt, anfangs noch ganz flach und moderat, 3 bis 4 %, aber bereits auf der schmalen Straße, die durch den Barranco später dann steil nach oben führt. Und genau diese schmale Straße ist das Problem, alle wollen direkt hinter dem Vorausauto einen Platz finden, ich natürlich auch.

Es gibt ein Gedränge und ein Gerangel, da sind Hände und Füße im Spiel, da wird schon mal gezogen und geschubst, und wie es auch manchmal so kommt, mit einem Mal liegen ein paar Fahrer auf der Nase, reißen im Fallen noch ein paar andere mit, und weil sich das alles ganz vorne abspielt, direkt hinter dem Wagen, fliegen auch aus der zweiten Reihe noch ein paar darüber. Ich komme auch zum Handkuß, habe zwar schon abgebremst und ausgesteuert, aber fast im Stehen falle ich dann doch noch um. Das sind die teuflischsten Stürze, weil sie immer die unangenehmsten Folgen haben.

Aufstehen, aufspringen, nachfahren, es sind jetzt ungefähr 50 Fahrer vor mir. Wo die beiden Spanier sind, die meine Konkurrenten sind, weiß ich in dem Moment nicht. Aber ich weiß, daß es ein Vorteil ist, wenn man ganz vorne in diesen Barranco reinfährt. Ich fahre über meine Verhältnisse, ich muß nach vorne hin, zu den Spaniern. Aber jetzt ist schon der Vorauswagen weggeschwenkt, das Rennen freigegeben, und die erste Fetzerei zieht das Feld in die Länge, reißt die ersten Löcher, die sofort gewaltig schnell aufgehen.

Da bin ich hinten auf verlorenem Posten. Ich kann nicht so lange fahren, bis es mich zerreißt, ich muß mein eigenes Tempo fahren, also langsamer. Schnell bilden sich kleine Gruppen, dazwischen ein paar röchelnde und hechelnde Einzelfahrer, irgendwo bin auch ich. Vorne sind die Spanier versammelt, denn es geht im Großen Bergpreis hier um die endgültige Entscheidung.

Da ist nämlich noch gar nichts entschieden, im Gegenteil, es sind sehr viele Fahrer, die da noch Chancen auf den Sieg haben, auch meine Wenigkeit zählt dazu. Ich muß mein Tempo fahren, darf mich nicht übernehmen, es steht zu viel auf dem Spiel. Ich kann nur hoffen, daß ich um einen Wimpernschlag schneller bin als die beiden Spanier, die ich übrigens noch immer nicht sehe. Sind die etwa noch vor mir? Muß wohl so sein.

Ich fahre hier mit 39/21, dann mit 39/23, und dann wird es richtig steil. Und ich bin bei 39/25 angelangt. Damit kann ich schön flüssig und rund kurbeln, und ich bin schneller als die Fahrer rund um mich herum, ich hole auf. 16 Prozent Steigung auf den letzten 4 km bis hinauf zum Restaurant in der Felsenhöhle, dort oben wird auch die Gedenktrophäe Antonio Martin entschieden, die der Sieger am Guayadeque erhält. Lange Gerade prägen hier das Bild, es sieht in etwa so aus wie am Hahntenjoch, um mal einen Vergleich zu strapazieren.

Vor mir sehe ich Jaime Font, den Spanier im Bergtrikot. Wenn ich so gut platziert bin, können doch meine beiden spanischen Freunde nicht mehr weit sein. Vor mir fährt eine Gruppe, zu der Font soeben aufschließt, er attackiert auch gleich, reißt diese Gruppe damit auseinander. Noch 3 km, hoffentlich zieht er jetzt nicht die falschen Leute mit sich mit. Es wird steiler, ich muß mich schinden und quälen, halte aber das Tempo, ich komme näher an die Gruppe ran, dann bin ich plötzlich an der Seite von Vescino, Mascaro entdecke ich weiter vorne. Wenigstens sind sie nicht außer Reichweite, das ist auf den letzten beiden Kilometern alles zu schaffen. Hoffe ich halt.

Das Finale. Der letzte Kilometer. Eine lange Gerade, vorne setzt sich Luis Alberto Garcia durch, wird Zweiter und gewinnt damit den Bergpreis. Jose Manuel Gallego heißt der spanische Sieger am Guayadeque. Gomila Mascaro sprintet bei der 500-m-Marke von mir weg, ich kann nicht mehr mithalten, und er zieht das hohe Tempo voll durch, fährt sogar noch bei ein paar anderen Fahrern vorbei. Im ersten Moment versuche ich, nachzusetzen, merke aber gleich, daß ich es nicht mehr drauf habe, setze mich wieder hin, und in dem Moment fliegt von hinten Vecino vorbei.

Aber diesmal gebe ich nicht klein bei, der ist ja auch der gefährlichere Fahrer. Ich denke nicht, ich sprinte an sein Hinterrad. Zusammen fliegen wir an Jimenez und Ortega vorbei, dann ist der erlösende Zielstrich da. Ich komme nicht mehr an ihm vorbei, aber wenigstens ist auch niemand zwischen uns. Der Pulsmesser zeigt mir später dann in dem Moment 197 Puls an.

Oben bei der Zwangsrast wird gerechnet. Wie sieht jetzt die Gesamtwertung aus? Hier am Guayadeque, dem schwersten Berg der gesamten Rundfahrt, ist Mascaro Gomila 13.  geworden, Jaime Font 14., Sevilla Vecino 17. und ich 18. Der Bergpreis geht an Alberto Garcia, der sich mit 127 Punkten durchsetzt. Die Gesamtwertung hat jetzt folgendes Bild: ich führe mit 464 Punkten vor Vecino mit 458 und Mascaro Gomila mit 433. 6 Punkte Vorsprung sind nicht wirklich viel, vor allem nicht beruhigend. Da ist noch alles offen.

Übrigens: Claudio Chiappucci ist auch auf  den Guayadeque raufgefahren und war etwa zweieinhalb Minuten hinter mir.

Rückfahrt, neutralisiert. Und weil es heute die letzte Etappe ist, wird das Rennen schon knappe 20 km vor dem Ziel freigegeben, und die letzten Kilometer hinter der Motorführung sind auch schon mit 40 km/h gewesen, der Wagen beschleunigt dann, 50 Sachen, 55, 60, dann sind schon nur mehr knappe 30 Mann in einer Traube hinten dran. Gut 20 Mann davon sind schon haarscharf am Abreißen, die können sich zwar noch halten im Moment, wenn sie dieses Tempo aber noch 20 Sekunden fahren müssen, sind sie weg.

Und dumm wie sie sind, halten sie so lange hin,  bis sie explodieren. Ich bin irgendwo am Rand dieser Traube, also auch schon fürs Abreißen vorgesehen. Keine Chance, da irgendwie in die Mitte rein zu kommen. Die eine Taktik wäre gewesen, sich in der Idealposition festzusetzen, und diese so lange wie möglich zu behaupten. Gut, das war nicht drin, da hatte ich nie eine Chance, dorthin zu kommen, weil dort schon die Spanier waren. Die andere Taktik ist, den richtigen Moment zu erwischen, und freiwillig ab zu reißen, um dann noch stark genug zu sein, alleine ein paar Positionen gutzumachen, an ein paar Abgerissenen vorbei zu fahren.

Man merkt in jeder Phase, daß das die Schlußetappe ist, in der das Endklassement gemacht wird, denn es wird mit wahnsinnig hohem Risiko gefahren, jeder hat eine Risikobereitschaft, die einfach unwahrscheinlich ist. Da wird wieder gerangelt und gedrückt, gezogen, geschubst und gedrängt. Ich sehe meine beiden Spanier irgendwo in der Mitte, die können also auf Grund ihrer Position noch ein paar Plätze raus schinden, als ich unvermutet einen harten Schlag aufs Hinterrad bekomme, was mich völlig aus der Spur wirft und um gut einen Meter nach links raus in Richtung Straßenmitte versetzt. Eigentlich ein Wunder, daß ich da nicht gestürzt bin, und das bei dem horrenden Tempo von gut 60 km/h. Damit ist auch schon alles geregelt, ich reiße ab, mehr unfreiwillig als freiwillig, aber eigentlich doch freiwillig.

Dann heißt es, so lange wie möglich das Tempo zu halten. Ich komme nicht weit. Mit 53/13 kurble ich, aber beim etwa 1,5 km langen Anstieg kurz vor Maspalomas ist Endstation. Dort komme ich natürlich mit Schwung nicht mehr drüber, aber am Fuße der Steigung hole ich Enrique Sevilla Vecino ein, meinen schärfsten Konkurrenten. Da habe ich auf einmal wieder alle Kräfte, die ich kurz vorher schon nicht mehr hatte, um an ihm wie ein Geschoß vorbei zu fliegen. Er hat ja so lange hingehalten, bis er explodiert ist, dementsprechend bewegungsunfähig ist er jetzt. Natürlich hat er nicht den Funken einer Chance, da einzusteigen. Als ich mich nach 100 Metern nach ihm umdrehe, sehe ich ihn 90 Meter hinter mir, wie er mit hochrotem Kopf verzweifelt nach Luft schnappt. Wie ein Fisch am Trockenen.

Meine Motivation steigt wieder ins Unermessliche. Das ist genau der Anblick, den ich gebraucht habe. Da geht es nicht nur um den Sieg. Sicher, in erster Linie schon. Aber es geht auch darum, zu zeigen, daß ich eben doch der Stärkere bin, es geht auch darum, zu beweisen, daß meine Taktik die bessere ist, es geht um Genugtuung. Ich fliege den Anstieg förmlich hinauf, hole auf diesen eineinhalb Kilometern noch fünf Fahrern ein, dann geht es dahinter bergab ins Ziel nach Maspalomas, und da hole ich mir noch einen. Ich bin richtig aufgestachelt, beinahe am Zielstrich hole ich mir noch einen. Insgesamt 9 Positionen also nach dem Abreißen gut gemacht! So viel habe ich noch nie geschafft, im Normalfall gewinnt oder verliert man höchstens einen. Aber dennoch muß ich noch zittern, denn der andere, Antonio Mascaro Gomila, darf nicht unter die ersten drei kommen!

Ein Stein fällt mir vom Herzen, als ich etwa 100 Meter nach dem Zielstrich, als ich noch nach Luft ringe und ausrolle, ihn plötzlich vor mir sehe, wie er völlig außer Atem halbtot zwei Plätze vor mir durchs Ziel gerollt ist! Noch einen halben Kilometer weiter, und ich hätte ihn auch gehabt! Damit müßte der Gesamtsieg sicher sein.

Ergebnisse, Großer Bergpreis (10 Wertungen): 1. Luis Alberto Garcia (Spanien) 127 Punkte, – 2. Omar Marentes (Argentinien) 126, – 3. Marti Coll Reus (Spanien) 122, – 4. Jaime Font (Spanien) 122, – 5. Jose-Manuel Gallego (Spanien) 121, – 6. Bernat Vincente Colmillo (Spanien) 118, – 7. Cesar Mendonca (Brasilien) 106, – 8. ROBERT BARTONEK (Österreich, RC UNION Unterguggenberger Wörgl) 102, – 9. Angel Gonzalez Garcia (Spanien) 94, – 10. Gabriel Angel Ripoll (Spanien) 86

Ergebnisse, Endstand Vuelta Gran Canaria di Maspalomas: 1. ROBERT BARTONEK (Österreich, RC UNION Unterguggenberger Wörgl) 513 Punkte, – 2. Antonio Mascaro Gomila (Spanien) 488, – 3. Enrique Sevilla Vecino (Spanien) 488, – 4. Jose Manuel Gallego (Spanien) 487, – 5. Omar Marentes (Argentinien) 466, – 6. Edgar Medellin (Kolumbien) 452, –  7. Pedro Pulido Jimenez (Spanien) 444, – 8. Javier Pupo Jimenez (Spanien) 439, – 9. Viktor Hugo Santos (Portugal) 436, – 10. Jose Pires (Portugal) 435, – 11. Jose-Luis Blanco Soto (Spanien) 419, – 12. Francisco Sanchez (Spanien) 366, – 13. Cesar Mendonca (Brasilien) 359, – 14. Jose Juan Gonzalez Sanchez (Spanien) 340, – 15. Luis Alberto Garcia (Spanien) 324, – 16. Jose Nicolau (Portugal) 306, – 17. Antonio Ortega Lombardo (Spanien) 278, – 18. Antonio Pujol (Spanien) 276, – 19. Jaime Font (Spanien) 270, – 20. Manuel Costa Pinho (Portugal) 213

Letztlich hatte ich also 25 Punkte Vorsprung, die Plätze 2 und 3 haben noch getauscht, und Gallego ist auch bis auf einen Punkt an das Podium herangekommen. Marentes war der wohl gefährlichste, der war in den letzten Tagen in einer Überform. Noch ein oder zwei Etappen mehr und er wäre wohl der Gesamtsieger gewesen. Da habe ich noch mal Glück gehabt. Am heutigen Schlußtag hat sich das Klassement noch einmal ziemlich zusammen geschoben. Um meinen Vorsprung von 25 Punkten mal etwas zu verdeutlichen: an einer Bergwertung wäre das der Abstand zwischen dem 1. und dem 9. Rang gewesen, im Tagesklassement war der Unterschied zwischen 1. und 4. Rang bereits 31 Punkte. Also ist es wirklich nicht übertrieben, wenn ich sage: DAS WAR VERDAMMT KNAPP!

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