Bergrennen Ingenio – Pico de las Nieves, 27,6 km

Samstag, 6. Dezember 2008

Jetzt habe ich mich also doch entschieden! Ja, ich starte beim Bergrennen, dem schwersten Europas, wie es der Veranstalter bewirbt, und das auch mit Zahlen belegt, der Anstieg ist steiler, länger, schwerer als etwa Stilfser Joch, Angliru, Mortirolo oder Alpe d´Huez. Gut, das ist natürlich maßlos übertrieben, unterm Strich bleibt die Tatsache, daß es ein sehr schwerer Anstieg ist. Das reicht ja auch. Sollte ich morgen die Rundfahrt noch vergeigen, habe ich die Arschkarte.

Ist mir auch klar. Aber ich kann´s halt auch nicht ändern, mich interessiert der Anstieg, mich interessiert die Möglichkeit, gegen Ex-Profis zu fahren, natürlich möchte ich morgen dann die Vuelta gewinnen. Und es gibt noch einen Grund für meinen Start: ich bin gestern sehr oft darauf angesprochen worden, daß ich ja nur deshalb im Gelben Trikot fahre, weil die zwei Spanier im entscheidenden Moment Defekt hatten. Nicht nur, daß ich gar kein richtiger Führender bin, mir wird auch das Gefühl gegeben, als hätte ich denen was GESTOHLEN!

Ich möchte halt auch beweisen, daß meine Führung zu Recht besteht, daß ich es durchaus drauf habe, daß ich auch dieses schwere Bergrennen fahren kann. Ich bin KEINE Eintagsfliege, und das sollen alle Ungläubigen heute und vor allem morgen dann sehen.

Naja, schon am Streckenprofil sieht man, daß das KEIN Honigschlecken wird! In Maspalomas wird um 10 Uhr gestartet, dann geht es neutralisiert knappe 30 km bis Ingenio, wo der offizielle Start mit der Zeitnehmung erfolgt. 27,6 km, 1855 Höhenmeter, der schwerste Berg Spaniens (angeblich).

Am Start gab es heute also noch Probleme. Anmeldungsschuß war nämlich gestern Abend gewesen, für heute waren gar keine Anmeldungen mehr vorgesehen. Erst nach langem Hin und Her, bei dem ich absolut kein Entgegenkommen der Veransalter erkennen konnte (ich kann zu wenig Spanisch, bei Deutsch, Englisch oder Italienisch stellte man sich auf  beiden spanischen Ohren taub!), bekam ich die Startnummer 88 zugewiesen, die bis zum Start niemand abgeholt hatte.

Irgendein Spanier hat sich angemeldet, dann aber den Schwanz eingezogen. Naja, so mutierte ich innerhalb kürzester Zeit zum Spanier Hilario Garcia. Kurz vor 9 Uhr sind wir in Maspalomas gestartet, 177 Fahrer sind ins Rennen gegangen. Neutralisierte Anfahrt über 30 km bis Ingenio, diesmal sind wir knapp 30 km/h gefahren, es ist ja auch flach gewesen, erst die letzten 3 km bis Ingenio sind bergauf gegangen. Mit dabei waren auch die beiden Ex-Profis Claudio Chiappucci und Marino Lejaretta

Das Wetter war nicht mehr so schön und warm wie in den vergangenen Tagen. Es hatte empfindlich abgekühlt, dicke, tiefhängende Wolken haben mich schon das Schlimmste befürchten lassen. Viele sind sogar langärmelig gefahren. Sollte es am Ende jetzt mit dem Schönwetter vorbei sein??? Pünktlich um 10 Uhr jedenfalls sind wir in Ingenio an der Plaza del Ayuntamiento gestartet. Sofort hohes Tempo, zwar gleichmäßig, aber grausam schnell. Bereits nach 2 km hat sich eine etwa 30köpfige Gruppe abgesetzt, zu der ich gerade noch mit dem allerletzten Dreck hinspringen konnte. Lejaretta und Chiappucci waren auch dabei.

Das Feld zieht sich in die Länge, das Tempo ist so hoch, daß da laufend welche zurückfallen. Es ist natürlich auch unrhythmisch, Löcher muß man selbstverständlich auch andauernd zufahren. Bis La Pasilla (km 6) kenne ich die Strecke, da bin ich vor Jahren schon mal raufgefahren. Danach beginnt für mich das Niemandsland. In La Pasilla haben sich schon 5 Mann abgesetzt, zunächst hat Antonio Bolano attackiert, sich abgesetzt, verfolgt von Francisco Fermin Herrera, Pedro Rovira, Joaquin David Martin und Jose Ramon Alvarez. Claudio Chiappucci und Marino Lejaretta sind noch bei mir.

Ich schere mich einen Teufel um irgendwen, fahre mein konstantes Tempo den Berg hinauf, so schlecht fahre ich damit nicht. Ein paar Meter vor mir fährt Chiappucci, mindestens genauso gleichmäßig wie ich, daher ist er für mich in dieser Phase ein sehr guter Anhaltspunkt. Er liegt etwa 80 bis 100 Meter vor mir, Lejaretta ist hinter mich zurückgefallen. Etwas später merke ich, wie ich anscheinend schnell schwächer werde, und zwar paßt es mit der Atmung einfach nicht mehr. Wahrscheinlich ist es die übergroße Fünf Mann Spitze quälen sich durch den dicken Nebel nach oben.

Luftfeuchtigkeit, schließlich fahren wir seit etwa 1 km nach dem Start in einer dicken Nebelsuppe. Es ist auch nicht leicht für mich, nachdem ich schon am Start gemerkt habe, daß NIEMAND von meinen Rundfahrts-Konkurrenten hier heute dabei ist! Die sind alle bestenfalls Zuschauer, wahrscheinlich stehen sie irgendwo am Straßenrand und zeigen lachend mit ihren Fingern auf mich! Das heißt aber auch, daß die Starter hier alle bei der Rundfahrt nicht dabei waren, nur wegen diesem Bergrennen hie her gekommen sind und natürlich alle ausgesprochene Bergspezialisten sind!

Antonio Bolanos führt nach wie vor solo, dahinter die Verfolger, die aber bald schon aufschließen und dann zu fünft sich durch den dicken Nebel kämpfen. So vergehen ein paar Kilometer, dahinter zerfällt das Feld immer mehr, die Positionen pendeln sich ein, man sieht jetzt immer wieder dieselben Gesichter, wenn man nach vorne schaut oder sich umdreht. Ich fahre das folgende Steilstück gleich mit 39/25 und hoher Frequenz, versuche erst gar nicht, mit da mit dem 23er herumzuquälen. Doch die hohe Luftfeuchtigkeit macht mir einen Strich durch die Rechnung. Ich kann die hohe Frequenz nicht mehr fahren, muß dann doch sehr bald aufs 23er gehen, wenn ich härter fahre, fällt es mir in der hohen Luftfeuchtigkeit etwas leichter. Falls man in dem Zusammenhang überhaupt von LEICHTER sprechen kann.

Die Entscheidung fällt in Caldera de los Marteles nach 17 km. Jose Ramon Alvarez greift an, nutzt einen Moment der Schwäche seiner Konkurrenten und setzt sich alleine in Führung. Bei km 20 liegt er bereits 42 Sekunden vor den Verfolgern. Und auch bei mir ist das ein besonders schweres Stück, kurz vor dem Flachstück in Caldera de los Marteles muß ich ziemlich hinhalten, ich quäle mich förmlich in die flache Passage rein, habe natürlich vorher am Streckenprofil gesehen, daß es hier deutlich flacher wird und so geglaubt, ich kann mich da durchaus mit etwas mehr Einsatz über die Kuppe wuchten.

Hat auch gestimmt, ich habe auf diesem einen knapp halben Kilometer vier Positionen gutgemacht. Ausgelöst aber wurde das durch Chiappucci, der – als langjähriger Canaria-Liebhaber kennt er diesen Anstieg natürlich ganz genau – plötzlich das Tempo verschärft hat und mich dadurch indirekt und ungewollt auch animiert und motiviert hat.

Die letzten 5 km sind dann nur mehr ein Verteidigen und Position halten. Chiappucci ist außer Sicht, ich kann ihn auch auf längeren Geraden nicht mehr sehen. Vorne verteidigt Alvarez seine Führung, und auch ich bin jetzt nur mehr bestrebt, meinen Platz zu halten. Es wird auch eine Spur flacher auf den letzten 2 Kilometern, aber die Distanz und vor allem die Luftfeuchtigkeit setzen mir und sehr vielen anderen auch schwer zu.

Vorne gewinnt Alvarez, Fermin Herrera wird so wie im Vorjahr Zweiter. An den Streckenrekord von 1:10  Stunden kommt bei diesem Wetter aber niemand auch nur annähernd heran. Alvarez siegt in 1:19:54, das ist die mit Abstand langsamste Siegerzeit aller bisherigen Austragungen. Chiappucci kommt mit seiner Schlußoffensive in 1:23  noch auf den ausgezeichneten 12. Platz, ich belege in 1:32 den auch nicht so schlechten 22. Platz.

In meiner Altersklasse 45 bis 55 Jahren bedeutet das den immerhin sehr guten 6. Rang, da ist Chiappucci Dritter geworden. Da sieht man wieder, daß ein Ex-Profi halt doch auch Jahre nach seiner aktiven Karriere noch einiges drauf hat und vor allem, was eine solide Grundlage alles möglich macht.

Alles in allem bin ich heilfroh, im Ziel zu sein, mein Platz war relativ eindeutig und klar, denn eine gute halbe Minute vor und hinter mir war niemand. Ob ich es bereut habe, hier gestartet zu sein? Das kann ich morgen erst sagen, im Moment möchte ich mich nur ausruhen. Aber es steht mir ja noch einiges bevor: die letzte Etappe folgt noch, das Ausrollen, runter zum Start.

Mit einem Kleidertransport habe ich ein paar warme Sachen zum Anziehen ins Ziel transportieren lassen, ich ziehe mich jetzt um und fahre dann direkt vom Picos de las Nieves, der seinem Namen alle Ehre macht (Gipfel im Nebel), runter nach Maspalomas. Sind auch wieder 49 km, und zusammen mit der neutralisierten Anfahrt (30 km) und dem Rennen (28 km) bin ich heute auch wieder auf 107 km gekommen.

Ergebnisse Tageswertung: 1. Jose Ramon Alvarez Gutierrez (Spanien) 1:19:54, – 2. Francisco Fermi Herrera Rodriguez (Spanien) -0:32, – 3. Joaquin David Martin Hernandez (Spanien) -0:56, – 4. Pedro Rovira Alba (Spanien) -1:17, – 5. Alessandro Raisoni (Italien) -1:44, – 6. Pablo Munoz Retamal (Spanien) -1:45, – 7. Marcos Manuel Garcia Ortega (Spanien) -2:04, – 8. Antonio Bolano Dominguez (Spanien)  -2:17, – 9. Doroteo Martinez Lopez (Spanien) -2:35,  10. Luis Alberto Garcia Landa (Spanien) – 3:10, – weiters: 12. Claudio Chiappucci (Italien) -3:49, – 22. Robert Bartonek (Österreich, RC UNION Unterguggenberger Wörgl) -12:43, – 46. Marino Lejaretta (Spanien) -21:24

Ergebnisse Altersklasse 45-55 Jahre: 1. Francisco Fermi Herrera Rodriguez (Spanien) 1:20:26, – 2. Luis Alberto Garcia Landa (Spanien) -2:38, – 3. Claudio Chiappucci (Italien) -3:17, – 4. Eduardo Suarez Diaz (Spanien) -6:31, – 5. Michael Fenske (BRD) -7:50, – 6. Robert Bartonek (Österreich, RC UNION Unterguggenberger Wörgl) -12:11

Gruppenfoto im Ziel am Pico de las Nieves: hintere Reihe von links: Marino Lejaretta, Joaquin David Martin Hernandez (3.), Jose Ramon Alvarez Gutierrez (Sieger), Francisco Fermi Herrera Rodriguez (2.), Claudio Chiappucci, vorne von links: Joanne Merritt (3.), Rosemary Byde (Siegerin), Christine Ladkin (2.)

Ein paar Zahlen noch zu diesem Bergrennen: Maximalpuls 192 (gut, da kann man nicht mehr von einer lockeren Partie sprechen), Durchschnittspuls 178

Am späten Nachmittag wieder daheim im Quartier, habe ich mich mal eine halbe Stunde unter die Brause gestellt, danach bin ich fein essen gewesen (im Erdgeschoß meines Appartments), habe mir die Papas arrugadas gekocht, das sind winzige Süßkartoffeln mit einer Salzkruste, die werden ungeschält im Meersalz gekocht und dann getrocknet, bis sie schrumpelig werden, dazu Yamswurzel, Kichererbsen und Curryreis mit Bananen, Mandarinen, Rosinen und Mangos.

Naja, ziemlich exotisch, ich hab  halt alles verwertet, was ich noch in der Küche gefunden habe. Danach noch mal eine halbe Stunde unter der Dusche, das hat verdammt gut getan. Als Abschluß dann noch ein frischgepreßter Orangensaft. In Gedanken war ich schon beim morgigen Finale der Vuelta.

 

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