2. Etappe: Las Palmas de Gran Canaria – Agaete – Moya, 70 km

Dienstag, 2. Dezember 2008

Habe ich gestern noch mutlos geklungen und davon gesprochen, daß die Rundfahrt schon verloren ist? Ha, so schnell wendet sich das Blatt: Heute habe ich die Königsetappe gewonnen, die über 4 Berge und 70 km nach Moya führte. Es war ein taktisches Meisterstück, und ich bin wirklich stolz auf meine Leistung. In der Gesamtwertung verteidigte der gestrige Etappensieger, Enrique Sevilla Vecino (Spanien), seine Führung, ich habe meinen Rückstand von 121 Punkten auf  18 verkürzt und liege jetzt an der zweiten Stelle!

Die Hauptstadt der Kanaren, Las Palmas, war heute Startort der zweiten Etappe, der Königsetappe, drei Berge, und nach dem vierten war das Ziel oben in Moya. Bin mit dem Auto auf der Autobahn nach Las Palmas raufgefahren und habe dort das Startgelände gesucht. Das hat alles nur eine knappe Stunde gedauert. Gestern hatte ich einen Dämpfer erhalten, ich war etwas frustriert und enttäuscht über das Ergebnis. Nur Rang 34!

Heute also vier Bergwertungen mit Punkten für den Bergpreis, der mir ziemlich egal ist, aber auch für die Gesamtwertung. Die letzte Bergwertung liegt nur 11 km vor dem Zielstrich, und diese 11 km sind auch sehr selektiv. Da kommt diesem Anstieg entscheidende Bedeutung zu. Ich muß heute unbedingt Bergpunkte holen. Und auch im Ziel möchte ich ganz vorne sein. Im Moment liege ich noch 121 Punkte hinter dem Führenden, aber wenn ich diese Rundfahrt gewinnen will, muß ich diesen Rückstand heute ganz entscheidend verkürzen.

Den ersten Anstieg bei Punta la Salina nach 11 km sind wir noch neutralisiert gefahren, der war da nicht besonders schwer, etwa 5 km lang und relativ flach. War zum Aufwärmen ganz gut. In der Abfahrt habe ich dann schon versucht, ganz nach vorne zu kommen, direkt hinter den Vorauswagen der Veranstalter. Das ist gar nicht einfach, wenn so viele Starter alle dasselbe wollen.

Heute ist der wohl wichtigste Tag für mich, gilt es doch, den gestrigen Rückstand zu verkürzen, und dazu ist heute eine ausgzeichnete Gelégenheit, denn es gibt gleich 4 Bergwertungen und den Zieleinlauf. Und neutralisiert wird heute auch nicht viel gefahren, denn es folgt Berg auf Berg. Um am Ende vorne zu sein, ist es unbedingt erforderlich, schon vorher bei den Anstiegen vorne zu sein. Die heutige zweite Etappe führt an der Nordküste entlang und endet hoch oben über dem Meer in Moya auf knapp 500 Metern Seehöhe.  Und die letzte Bergwertung, die nur 11 km vor dem Ziel liegt, hat auch entscheidenden Einfluß auf den Tagessieg.

Erste Bergwertung am El Pagador, ähnlich wie die erste Steigung ist auch diese hier sehr gleichmäßig, es wird konstant schnell und zügig drübergefahren. Weil da vorher neutralisiert gefahren wurde, sind natürlich alle noch extrem frisch, alle wollen sich profilieren und ihr Können und ihre Form beweisen, und das können sie eben nur bergauf. Ich reihe mich ganz vorne ein und versuche so lange wie möglich mitzuhalten.

Der Niederländer Ton Walters gewinnt diese erste Wertung vor Jacques Castan. Ich hole den 13. Rang und damit 8 Bergpunkte, die auch für die Gesamtwertung zählen. Nach der Abfahrt geht es runter nach Galdar und gleich wieder rauf auf den Almagro. Ungefähr ein ähnlicher Berg wie der vorige. Ohne Pause, ohne Neutralisation die Abfahrt und der nächste Anstieg. Diesmal holt sich der Spanier Bernat Vicente Colmillo die Bergpunkte, ich werde Dritter. Es war ein relativ flacher Anstieg, genau richtig für mich.

Jetzt gibt es die Zwangspause, alles kommt wieder zusammen, doch ich habe jetzt schon 38 Punkte geholt! Wir rollen danach geschlossen auf einer kleinen Nebenstraße nach Agaete hinunter, fahren dort eine große Wendeschleife und dann geht es wieder den Berg hinauf, das Rennen wird wieder freigegeben, eine wilde Fetzerei beginnt, Viktor Hugo Santos (Portugal) setzt sich schließlich durch, ich belege den 7. Rang, knappe 10 Sekunden dahinter.

Jetzt erhöhe ich mein Punktekonto heute auf 56 Zähler. Und ein Berg ist noch ausständig. Die Abfahrt, da schließt sich wieder eine größere Gruppe zusammen, danach durch Galdar geht die wilde Jagd und rüber nach Guia, wo wir rechts wegbiegen und sofort im Schlußanstieg sind. Es geht jetzt rauf nach Moya. Die Spitzengruppe ist inzwischen wieder auf gut 40 Mann angewachsen.

Dieser letzte Anstieg ist 8,5 km lang, danach geht es hügelig, aber mit einigen brutal schweren Steilpassagen nach Moya rein, 11 km nach der Bergwertung wartet der Zielstreifen. Und dazwischen keine Neutralisation! Das ist die Chance, das Klassement noch einmal umzudrehen. Aber da darf jetzt nichts danebengehen, da muß alles passen! Kaum in der Steigung, platzt die Gruppe auseinander.

Ich wähle meine altbewährte Methode, mein gleichmäßiges Tempo zu fahren, es ist nicht sehr steil, 7 bis 8 Prozent, ich fahre eine leichte Übersetzung, ich kurble 39/23. Anfangs zieht sich der Pulk auseinander, dann reißen die ersten Löcher, es bilden sich kleine Gruppen, ich fahre ungefähr in der Mitte, schiebe mich dann aber nach etwa der Hälfte des Anstieges näher an die vorderen Gruppen heran. Und sofort steigt die Motivation, ich drücke aufs Tempo, forciere, beschleunige, aber ich bleibe bei meiner Übersetzung von 39/23.

In dieser Phase mache ich viele Plätze gut, es läuft heute ausnehmend gut. Die hohe Frequenz macht mir keine Probleme, das herrlich warme, blaue Sommerwetter tut sein übriges dazu, um meine Motivation anzustacheln. So erreiche ich mit der zweiten Gruppe die Anhöhe und fahre den letzten Kilometer zur Bergwertung. Der Spanier Luis Alberto Garcia holt sich diese Wertung, ich belege den 6. Rang und kassiere weitere 20 Punkte. Jetzt ist nur mehr der Zieleinlauf ausständig.

Meine gute Plazierung darf ich nicht mehr aufs Spiel setzen, ich versuche, an die erste Gruppe ranzukommen, forciere neuerlich, der Abstand beträgt ja nur etwa 25 Sekunden. Es ist der einzige Zieleinlauf ohne Neutralisation vorher. Es gelingt mir nach einem steilen kurzen Anstieg, mich zusammen mit zwei weiteren Fahrern aus der Gruppe abzusetzen und so pendeln wir zwischen den beiden Gruppen. Vorne wird natürlich auch am Anschlag gefahren, denn das Ziel rückt jetzt schnell näher. Der zweite Anstieg, etwa 500 Meter lang, zerreißt aber beide Gruppen.

Vorne zerlegen sie sich selbst, fahren dann kurzfristig alleine durch die Gegend, ehe wieder alles zusammenrückt. Auf den letzten 200 Metern dieses Anstieges setze ich alles auf eine Karte, schalte auf das große Blatt, auf 53/21und sprinte einfach über die Kuppe. Wenn ich schon nicht vorne rankomme, dann möchte ich wenigstens meine Begleiter abhängen. Die Kurbeln scheinen sich durchzubiegen, die Lunge sticht und ächzt, die Beine brennen, die Schläfen und die Stirn pochen ganz entsetzlich, in meiner Brust hämmert das Herz, und als ich die Kuppe erreicht habe, bin ich alleine, es sind noch 4 km und direkt vor mir fahren zwei der ursprünglich vier Spitzenreiter.

Die Beine versagen ihren Dienst, ich muß sie zwingen, ich muß mich zusammenreißen, irgendwie motivieren, gegen die Milchsäure zu fahren, die meinen Körper überschwemmt. Vor mir sehe ich, zum Greifen nahe, die Ortschaft Moya. Also wieder aus dem Sattel, Schwung holen, die müden Knochen auf Touren bringen, nicht langsamer werden, an irgendeinem fliege ich vorbei, ich sehe nicht, ob und wie der reagiert. Ich sehe nur vor mir die restlichen drei Fahrer. Also liege ich an der vierten Stelle. An sich schon eine tolle Plazierung, aber ich weiß, daß ich hier meinen Punktevorrat ganz deutlich erhöhen muß, mich nicht zufriedengeben darf damit, ganz vorne zu sein.

Wieder fahre ich an einem halbtoten Fahrer vorbei, der sich kaum mehr regt, ich fahre, ohne zu atmen, denn das kann ich gar nicht mehr. Zu sehr sticht es in der Brust, in der Lunge, pfeifend sauge ich die Luft in die Bronchien. Oder bilde ich mir das alles nur ein? Es zieht sich noch, diese 3 km bis ins Ziedl, denn die Häuser sind wirklich zum Greifen vor mir. Aber die Straße schlägt einen Bogen nach dem anderen, eine Kehre nach der anderen, wir fahren permanent Kurven, da sind kaum ein paar gerade Meter dazwischen.

Dann habe ich es geschafft. Ich bin dran. Wir sind zu dritt, ich kenne die Typen nicht, der Sieger der letzten Bergwertung ist dabei, Luis Alberto Garcia. Ein kleiner, drahtiger Spanier von vielleicht 50 Kilo. Sofort greife ich an, lasse ihnen nicht eine Sekunde zum Überlegen. Jetzt den Schwung ausnutzen, das möchte ich. Nicht nachher noch einmal antreten, ich weiß, daß ich das nicht mehr schaffe. Ich bin von hinten herangeflogen gekommen, war deutlich schneller als die beiden, und das MUSS man einfach ausnutzen, keine 2 km vor dem Ziel. Ich reiße ein gewaltiges Loch, ich spüre, daß ich alleine bin. Ich setze mich hin, mache mich aerodynamisch klein und gebe alles, was noch in meinen verkrampften Beinen ist.

Noch 1 km. Jetzt fahre ich wie in Trance. Bin ich alleine? Ich weiß es nicht. Ich habe keine Kraft mehr, irgendeinen Gedanken zu fassen. Nur so schnell wie möglich ins Ziel kommen. Viele Zuschauer säumen die Rennstrecke, die wissen ganz genau, daß sie hier den wohl normalsten Zieleinlauf dieser Woche erleben dürfen. Noch ein paar hundert Meter. Da erst bemerke ich, daß irgendso ein Lümmel an meinem Hinterrad hängt.

Das ist kein Schlag für mich, wie man vielleicht annehmen könnte. Nein, das kann ich gar nicht denken. Ohne irgendeine bewußte Überlegung zu fassen, stehe ich auf und trete nochmals an, anscheinend war da doch noch Kraft. Es geht nur darum, um einen Wimpernschlag schneller zu sein, stärker zu sein, wuchtiger zu sein als der andere. Ich weiß, daß ich das gar nicht kann mit normalen Mitteln, aber ich bin jetzt in einer solchen Euphorie, da ist es völlig belanglos, wieviel Energie mir noch geblieben ist. Einen Tritt, nur einen einzigen, schnellen, kräftigen Tritt mehr machen als der Gegner.

Wenn ich es physisch nicht kann, dann zwinge ich meinen Körper dazu, ich zwinge ihn, indem ich es ihm befehle. Es klappt, ich schieße als Erster durchs Ziel, und ich weiß, daß das der wohl wichtigste Schritt zum Toursieg war. Aber in dem Moment überwiegt die Freude, die mich absolut und überall durchdringt. Ich habe keine Ahnung, was dieser Tagessieg für die Gesamtwertung bedeutet, wie das Klassement jetzt aussieht, aber ich weiß, daß ich ganz vorne mit dabei bin.

Ich stehe irgendwo nach dem Zielband am Straßenrand, atme, versuche wenigstens, zu atmen, und von allen Seiten kommen wildfremde Menschen auf mich zu, klopfen mir auf die Schulter, beglückwünschen mich und gratulieren mir. Bis zur Siegerehrung (es gibt ja pro Etappe nur 3 Preise) habe ich mich einigermaßen erfangen. Die Abschlußetappe des heutigen Tages aber steht noch aus, ich muß noch 25 km teils bergab zurück nach Las Palmas zum Auto fahren.

Ergebnisse, Gesamtwertung nach der 2. Etappe: 1. Enrique Sevilla Vecino (Spanien) 263 Punkte, – 2. Robert Bartonek (Österreich, RC UNION Unterguggenberger Wörgl) 245, – 3. Antonio Mascaro Gomila (Spanien) 219, – 4. Javier Pupo Jimenez (Spanien) 207, – 5. José Pires (Portugal) 207, – 6. Luis Alberto Garcia (Spanien) 204

Ergebnisse, Gesamtstand im Bergpreis nach 2 Etappen (5 Bergwertungen): 1. Luis Alberto Garcia (Spanien) 92, – 2. Robert Bartonek (Österreich, RC UNION Unterguggenberger Wörgl) 76, – 3. Cesar Mendonca (Brasilien) 75, – 4. Jaime Font (Spanien) 65

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