Samstag, 25. Oktober: Dreiländer-Straßenrennen in Lenti (Ungarn), zugleich Ungarisches Saisonabschlußrennen, 90 km

Nachdem ich im Vorjahr bei diesem Rennen am Stockerl gestanden bin, möchte ich diesmal den Sieg – angesichts meiner nach wie vor guten Form hoffentlich keine Träumerei! So muß ich leider vor Ort dann erst feststellen, daß wir heuer auf ganz anderer Strecke fahren, ich also den selektiven Kurs des Vorjahrs heuer nicht mehr vorfinden werde. Die aktuelle Strecke ist dem Dreiländer-Marathon nachempfunden, den der rührige Radsportklub aus dieser Ecke Ungarns auch jährlich veranstaltet, aber das wiederum hilft mir nichts, weil ich diesen Kurs nicht kenne. Schnell die Karte hervorgeholt und nachgeschaut, muß ich feststellen, daß es wahrscheinlich ein ganz flaches Rennen sein wird. Der einzige Trost: die relativ lange Distanz.

Am Start stehen dann auch hauptsächlich Ungarn, dazu aber auch Slowenen und Kroaten, ein Deutscher (wird wohl hier irgendwo Urlaub machen) und ein Österreicher (nämlich ich). Ein gemächlicher Beginn soll wohl in trügerischer Hoffnung wiegen, daß das alles ein Spaziergang wird. Ich weiß es besser, und als nach knapp 5 km die erste Attacke folgt, bin ich sofort hellhörig und setze nach. Und richtig, die Spitze läßt nicht locker, ich natürlich auch nicht, ich brauche ganze 4 km, um mich so nach und nach an die Gruppe heranzukämpfen. Nach mir schaffen noch ein paar Fahrer – alle einzeln – den Anschluß, und dann sind wir 14 Fahrer, die mit hohem Tempo, sich gleichmäßig abwechselnd, nach Süden fahren, der slowenischen und kroatischen Grenze entlang.

Von hinten kommt niemand mehr, unser Vorsprung ist so groß, daß wir hinter uns niemand mehr sehen. Nur nicht übermütig werden, noch ist nichts gewonnen! Entscheidend dürfte jetzt wohl sein,  sich so gut wie möglich zu schonen. Ich versuche halt, mit allen möglichen Tricks mich um eine Führungsarbeit zu drücken, was mir sehr oft gelingt. Ich glaube, von allen 14 Fahrern habe ich am wenigsten geführt. Und immer wieder habe ich meine Führung ausgelassen.

Nach 40 km erreichen wir die kroatische Grenze, danach wird weiterhin zaghaft angegriffen, aber immer wieder neutralisiert. Nach einer Weile fällt mir auf, daß wir weniger geworden sind. Ich zähle durch und komme auf 12 Mann, also sind zwei Fahrer irgendwann zurückgefallen. Oder habe ich mich vorher verzählt? Auf kroatischem Boden fahren wir bald auf schmalen Nebenstraßen, und mit einem Mal gibt es eine wuchtige Attacke, die ich völlig verschlafen habe, ein Mann setzt sich ab, es gibt dahinter drei Verfolger und dann neun Mann inklusive mir. Der Abstand zwischen den einzelnen Gruppen beträgt etwa 100 Meter. Keine Ahnung, weshalb wir 9 den einzelnen vorne nicht einholen, wir fahren 42 bis 44 km/h, und das bei starkem Seitenwind. Wer ist der Typ da vorne?

in paar Kilometer geht es so dahin, dann holen die Verfolger den Solofahrer ein, uncd sofort kommen wir auch wieder an die Vierergruppe näher ran. Komisch, aber weil sie jetzt zu viert sind, holen wir sie ein. Was soll ich davon halten? Wenig später, kurz vor der slowenischen Grenze, ist wieder die Gruppe geschlossen. Wozu das alles also?

Ich sehe mir den Typ näher an, und ein paarmal reagiert er auch, als angegriffen wird, er ist derjenige, der sofort das Loch zufährt. Und dann wieder völlig unmotiviert selbst attackiert. Dann hat er sogar mal einen nahezu perfekten Moment erwischt, fährt weg, nimmt dann aber die Beine hoch. Ich weiß nicht, was ich von ihm halten soll. Ist das alles nur Geplänkel oder ist er der typische Randalierer, der nur für Unruhe und Chaos sorgt, aber nichts zeigt, wenn es darauf ankommt?

Die slowenische Grenze ist erreicht, wir sind nach wie vor 12 Mann, und unmittelbar danach greift mein Randalierer abermals an, reißt wuchtig ein großes Loch, bleibt dann aber stecken. Aber er beschäftigt den Haufen wenigstens und macht ihn mürbe. Danke, daß er mir so viel Arbeit abnimmt. Und konsequent geht es in dieser Tonart weiter. Immer wieder tritt er an, nimmt dann aber die Beine hoch. Komischer Typ.

Kurz vor Lendava treten drei Mann an, und er springt sofort dazu. (Ich habe diese Aktion völlig verschlafen, alle anderen auch. Die vier setzen sich etwas ab, es kommt eine Verfolgung zustande. Es dauert eine Zeit, ab er dann fahren wir einen technisch sauberen Kreisel, das Tempo steigt bis 45km/h, langsam kommen wir wieder näher. Als dann plötzlich vorne einer zurückfällt, den wir wenig später aufsammeln. Wer es ist? Richtig, der Randalierer. Damit ist für mich der Fall klar. Keine 15 km mehr bis ins Ziel, in einer solchen Situation nimmt man doch nicht die Beine hoch, wenn man schon einen Vorsprung hat. Für mich ist er damit ein Blender.

Kurz vor der ungarischen Grenze sind auch die restlichen drei Mann wieder gestellt. In all dieser Zeit habe ich mich völlig unauffällig verhalten, habe nie aktiv vorne an der Spitze mitgemischt. Dann muß ich mir jetzt endlich Gedanken machen, wie ich das Finale fahre. Entweder in der Gtruppe bleiben und den Sprint fahren, vielleicht komme ich da unter die ersten zehn, oder aber schnellstens aktiv werden.

Es ist nicht mehr weit bis ins Ziel. Langsam fahre ich auf die linke Straßenseite rüber, werde dann minimal schneller als die Gruppe, bin dann vorne, das Loch wird größer, Oberlnker, ich blicke nicht zurück, sehe oder drehe mich nicht um, das würde alles ja nach Absicht aussehen. Ich muß ganz sanft und vorsichtig sein, denn ich habe nur diesen einen Versuch. Noch 6 km.

Eine endlos lange Gerade, bis ins Ziel gibt es jetzt keine Kurve mehr. Ich sehe es am Schatten und ich spüre es förmlich, daß ich alleine bin. Nur nicht nachlassen. Es ist schwer genug, in dieser Haltung schnell zu fahren, ich fahre so an die 40 km/h. Es ist wie ein Tanz auf einer Rasierklinge. Bin ich zu langsam, holen sie mich wieder, bin ich zu schnell, starten sie sofort die Verfolgung und holen mich.

So oder so, die Chancen stehen nicht sehr gut. Deshalb ist jeder Meter wichtig, den ich alleine unterwegs bin. Nur nicht zurückschauen. Noch 4 km. Meine Chancen steigen, denn sie haben mich noch immer nicht geholt. Langsam drücke ich jetzt aufs Tempo. 39 km/h, dann 40. Die Meter scheinen endlos zu sein, die Sekunden verrinnen quälend langsam. Noch 3 km. Lenti liegt vor mir, die ersten Häuser sind erreicht.

Verstohlen blicke ich mich um, sie fahren etwa 100 Meter hinter mir, wütende Aufforderungen, wahrscheinlich schiebt jeder die Last des Nachfahrens auf den anderen. Das ist jetzt der Moment, der auch für mich spricht. Die Zielnähe. Da zögern sie alle, ihre Energien jetzt schon in die Waagschale zu werfen. Jeder Meter näher zum Ziel ist jetzt Goldes wert. Noch 1,5 km. Viel kann ich nicht mehr zusetzen, ich fahre jetzt schon 43 km/h, bin aber immer noch minimal schneller als die Verfolger.

Es strapaziert die Nerven sehr, ich überlege ja auch andauernd, soll ich schneller fahrern, kann ich überhaupt schneller fahren? Noch 1 km, jetzt ist es egal, jetzt heißt es voll reinhalten, aber ich weiß auch, in dem Moment, in dem ich aufstehe, bricht hinten der Sturm los. Der bricht aber jetzt sowieso los – ich stehe auf und sprinte los, noch 900 Meter.

Jetzt brauche ich mich auch nicht umzusehen, jetzt geht es nur mehr Richtung Zielstrich, und der liegt vor mir, nicht hinter mir. Die Augen saugen sich förmlich an dieser imaginären Linie fest, die lange, lange Zielgerade wird von Zuschauern gesäumt. Diese letzten Meter sind die härtesten des ganzen Rennens, obwohl es topfeben und schnurgeradeaus geht. Die Beine brennen, die Arme, der Nacken, die Luft wird knapp, ich mache mich klein, spurte wie verrückt dem Zieltransparent entgegen, ich spüre den Atem der Verfolger, es wird knapp, das weiß ich, aber noch ist keiner an mir vorbei.

Noch 200 Meter. Ein letztes Mal stehe ich auf, kann aber nicht mehr beschleunigen. Selten bin ich so ausgepreßt und ausgelutscht gewesen wie jetzt. Ich fühle mich wie eine uralte, leere Hülle, ohne jede Substanz. Wahrscheinlich sehe ich auch in diesem Augenblick dementsprechend aus. Seltsam, was da für Gedanken durch das Hirn wandern. Dann zieht auch schon das Zieltransparent über mir hinweg. Ich lasse es ausrollen. Zentimeter hinter der Linie schießen sie rechts und links an mir vorbei, wie wütende Hummeln, ich spüre die Aggression förmlich physisch. Ist natürlich auch der Frust, daß sie sich derart überrumpeln haben lassen.

Selten habe ich mich über einen Sieg so gefreut wie diesmal. Die letzten Kilometer waren die Hölle, und das macht diesen Sieg so wertvoll. Meine Siegerzeit von 2:12 Stunden bedeutet einen Schnitt von 40,6 km/h.

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