Samstag, 18. Oktober 2008: Rundstreckenrennen um die Trofeo Memorial Enrico Rossi in Busco di Ponte di Piave, 55,6 km

Wieder ist es sehr warm, 23° am Nachmittag, Hochnebel, starker S-Wind, als ich zusammen mit einer sehr großen Meute von über 100 Fahrern den 5,5 km langen Rundkurs in Angriff nehme. Und diesmal bläst mir von Anfang an ein sehr rauer Wind mitten ins Gesicht. Die Konkurrenz hat sich formiert, die Schmach der Vorwoche ist nicht vergessen. Heute soll der Tag der Abrechnung sein, mit dem Startschuß laufen auch schon die ersten Attacken. Die erste Runde wird unglaublich schnell gefahren, sie besteht im Prinzip aus zwei langen Geraden.

Ich kann mich im Feld halten, aber das ist langgezogen, und ich stecke irgendwo weit hinten. Zweite Runde gibt es bereits die ersten Ausreißer, Tarlao und Maracani mischen vorne mit, dazu noch Grisenti. Krampfhaft versuche ich, mich nach vorne zu arbeiten, aber das gelingt nur mühsam und langsam. Kaum vorne, kann ich bereits Löcher zufahren. Wenn ich es nicht tue, sind die Ausreißer weg. Da wird mit aller Konsequenz gefahren, und ich erkenne auch, daß ich das eigentliche Ziel all dieser Angriffe bin. Sie wollen mich weichklopfen.

Sie wollen, daß ich so oft nachfahre, bis ich kaputt bin. Zwei, drei Runden lang spiele ich mit, bis ich erkenne, daß ich das niemals überleben kann. Also tue ich ihnen den Gefallen und stelle mich tot. Lasse mich zurückfallen, so an die 30. bis 40. Position, und überlasse das ganze Geschehen den anderen. Ich kann wirklich nicht jedem nachsetzen. Zwei, drei Runden lang geht das auch gut, aber dann passiert es halt doch. Ich lasse mich in die Falle locken, fahre ein Loch zu, in dieser Phase ist das Tempo schon sehr hoch, jenseits der 50, und es kostet unheimlich viel Substanz. Dann bin ich endlich dran, Tarlao und Grisenti sind ebenfalls vorne, lassen sich keinen Moment aus den Augen.

Mit einem Mal zerplatzt die ganze Gruppe, es ist die neunte und vorletzte Runde, vorne ist die Spitze sofort weg, mit Tarlao, Maracani und Grisenti, dahinter ein paar kleinere Gruppen, ich rolle alleine dahinter, das Loch geht irrsinnig schnell auf. Diesmal kann ich eine Plazierung abschreiben, da ist nichts mehr drin. Doch der starke Wind fordert seinen Tribut, vorne müssen sie auch wieder Tempo rausnehmen. Daß ich so schnell abgerissen bin, verunsichert sie. Jetzt sind sie zwar vorne, wissen aber nicht, was sie tun sollen. Es geht in die Schlußrunde, in die letzten 5 km.

Alleine habe ich bereits jede Hoffnung aufgegeben, als plötzlich von hinten eine Gruppe kommt, die phantastisch läuft. Ich steige mit ein und bin urplötzlich mitten in der schärfsten Verfolgung meines Lebens. Alle ziehen sie an einem Strang, es sind keine zehn Fahrer, aber der Zug ist unglaublich. Wir fliegen förmlich um den Rundkurs, und 2 km vor dem Ziel haben wir die Gruppe wieder vor Augen. Etwa 900 Meter vor dem Zielstreifen schließen wir auf, und da erst sehe ich, daß das die Spitzengruppe ist, daß alle Gruppen und Einzelfahrer vorne wieder zusammengelaufen sind. Sofort riskiere ich alles, mit 53/14 und aller Kraft sprinte ich zu der Gruppe hin, als hinter mir ein Krachen und Scheppern zu hören ist. Aus den Augenwinkeln sehe ich ein paar Fahrer wild in einem Knäuel über die Straße schlittern.

Keine Zeit, mich darum zu kümmern, hinter mir ein Loch jetzt, der Sturz hat den hinteren Teil der Gruppe abgekuppelt. Soll mir recht sein, vorne wild jetzt wild gesprintet, auf breiter Front jagt die Meute dem Zielstrich entgegen. Es ist ein hektischer, chaotischer Sprint, ein unübersichtlicher und damit auch ein ziemlich unkonventioneller. Der Ausgang ist auch etwas überraschend.

Gut, der Sprintsieg des starken Sprinters Alberto Busato (GS De Luca Portogruaro) vielleicht weniger, der zweite von Vittorio Parpaiola (GS Cicli Morbiato) und der dritte von Francesco Barbirato (Gran Fondo Pinarello) auch nicht wirklich, aber der fünfte von Bergspezialist Silvano Titotto (GS Frenocar Cicli Bilato) schon, der siebente Platz von Alfio Maracani auf alle Fälle, der achte von Dario Grisenti oder gar der 12.  von Riccardo Tarlao sind die Sensation des Tages schlechthin. Ich bin an der 19. Stelle plaziert, nicht schlecht, aber etwas mehr hätte ich mir schon erwartet.

Gut, ich bin nicht der Paradesprinter, und wenn ich so massiv angegriffen werde wie diesmal, auf so breiter Front vom beinahe gesamten Starterfeld, was soll ich mir dann noch erwarten als Ergebnis? Andererseits: ich war schon klar geschlagen, abgehängt und distanziert, und bin wieder herangekommen. Im Ziel war ich wieder dabei, und das ist – vielleicht die größte Sensation des Tages??

Das Rennen, das gerade mal 1:16 Stunden gedauert hat, wurde mit einem Schnitt von 43,21 km/h gefahren – ein so schnelles habe ich jedenfalls daheim in Österreich heuer keines erlebt.

 

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